/ 17.06.2013
Katja Behrens (Hrsg.)
Ich bin geblieben - warum? Juden in Deutschland - heute
Gerlingen: Bleicher Verlag 2002; 198 S.; brosch., 14,50 €; ISBN 3-88350-055-0Der Band versammelt zum Teil bereits veröffentlichte Texte, zum Teil Originalbeiträge von deutschen Juden, die sich mit der Frage auseinandersetzen, warum sie in Deutschland geblieben sind. Die Argumente, die von den Autoren gegen ein Bleiben aufgeführt werden, sind zahlreich: Immer wieder wird zum Beispiel die verwaltungstechnische Kontinuität zwischen der nationalsozialistischen und der bundesdeutschen Bürokratie hervorgehoben und ebenso die fehlende oder unzureichende Verfolgung von NS-Tätern durch die deutsche Justiz beklagt. Dazu gehört weiterhin das offenkundige und vielfach ausgedrückte Bedürfnis der nichtjüdischen Mitbürger, die Vergangenheit ruhen zu lassen, um ihre tatsächliche Gegenwärtigkeit dann in ganz verschiedenen Situationen zu ignorieren, gerade auch bei Gedenkveranstaltungen. Und nicht zuletzt macht ein dem Antisemitismus komplementärer Philosemitismus ein "normales" Leben in Deutschland schwer. Die für ein Bleiben genannten, hauptsächlich kulturellen Gründe sind dementsprechend weniger zahlreich; zum Teil bleiben Erklärungen dazu ganz aus. In seiner klugen Auswahl gibt der Band, der sich politikwissenschaftlich vor allem als aktuelle Dokumentation verstehen lässt, einen aufschlussreichen Einblick in die gesellschaftliche Situation des geeinten Deutschlands mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Zusammenbruch des NS-Staates.
Inhalt: Wolfgang Benz: Zwischen Antisemitismus und Philosemitismus. Juden in Deutschland nach 1945 (7-33); Jurek Becker: Mein Vater, die Deutschen und ich (35-59); Gedächtnis verloren - Verstand verloren (61-67); Johannes Mario Simmel: Verflucht sei Adolf Hitler (69-73); Katja Behrens: Von Symbiose war einmal die Rede. Eine Bestandsaufnahme (75-99); Peter Finkelgruen: Kleine Festung Theresienstadt oder wie man Geisel der Verhältnisse bleibt. Protokoll einer Scheidung (101-117); Ralph Giordano: Ich bin geblieben - warum? (119-126).
Michael Hein (HN)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Arbeitsstelle für graphische Literatur, Universität Hamburg, freier Lektor, Übersetzer, Publizist.
Rubrizierung: 2.35
Empfohlene Zitierweise: Michael Hein, Rezension zu: Katja Behrens (Hrsg.): Ich bin geblieben - warum? Gerlingen: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/14587-ich-bin-geblieben---warum_18965, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 18965
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Arbeitsstelle für graphische Literatur, Universität Hamburg, freier Lektor, Übersetzer, Publizist.
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