/ 18.06.2013
Georg Milbradt
Kraft der Visionen. Erinnerungen, Analysen, Perspektiven vorgestellt von Thomas Rietzschel
Leipzig: Gustav Kiepenheuer 2003; 224 S.; geb., 16,50 €; ISBN 3-378-01065-7Dass ausgerechnet der sächsische Ministerpräsident, der „Krisenmanager mit kühlem Kopf", von Visionen heimgesucht wird und deshalb, wie Helmut Schmidt für solche Fälle einmal empfahl, einen Arzt aufsuchen sollte, ist kaum zu glauben. Für Milbradt sind Visionen jedoch kein im eigentlichen Wortsinne mystisches oder ekstatisches Schauen, sondern „etwas, das die Politik anbieten muß, um die Gesellschaft zu motivieren. Wir brauchen die großen Ziele, etwas, was unser Selbstbewußtsein zu stärken vermag, etwas, das den Stolz des Landes erweckt." (108) Der eigentliche Herausgeber des Buches ist ein Journalist. Er zeichnet das Bild eines „überzeugten Marktwirtschaftlers" und „wirtschaftspolitischen Vordenkers", der aus der nüchternen Bestandsaufnahme „realistische Visionen" entwickle. Zahlreiche Zitate aus den Gesprächen mit Milbradt ergänzt Rietzschel durch eigene Beobachtungen, die in ihrer sterilen Freundlichkeit an einen Nachruf erinnern. Die in Sachsen von kaum jemand verstandene und deshalb aufklärungsbedürftige Entlassung des Finanzministers Milbradt durch den damaligen Ministerpräsidenten Biedenkopf wird mit wenigen nichtssagenden Sätzen abgehandelt: „Solche Trennungen verlaufen ja selten ganz glatt." (42) Milbradt schaffte es zwei Jahre später, gegen den erklärten Willen seines Vorgängers, Ministerpräsident zu werden. Nun wird er mit passenden Aussagen ins rechte Bild gerückt, auch die Fotos sind sorgfältig ausgewählt: Milbradt am Steuerknüppel eines Flugsimulators oder im Hochwassergebiet im August 2002. Dass auf dem Foto der Bundeskanzler „ratlos erschrocken [...] neben einem ruhig überlegenden Krisenmanager" (200) zu sehen sei, ist eine der peinlichsten Passagen des Buches. Die Beobachtungsgabe des Herausgebers lässt bereits auf der ersten Seite Zweifel aufkommen, wo er berichtet, im Sommer 2002 vom Büro des Ministerpräsidenten „deutlich" die berühmte Kuppel der Frauenkirche gesehen zu haben, die weder damals noch ein Jahr später zu sehen war, weil die Gerüste sie noch verdeckten, worauf Milbradt selber auf der vorletzten Seite hinweist (217). Das Buch ist eine verbale Hochglanzbroschüre, die das Profil des Ministerpräsidenten schärfen soll, der im nächsten Jahr eine Landtagswahl zu bestehen hat.
Henry Krause (HK)
Dipl.-Politologe, Referatsleiter, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden.
Rubrizierung: 2.3 | 2.325 | 2.331
Empfohlene Zitierweise: Henry Krause, Rezension zu: Georg Milbradt: Kraft der Visionen. Leipzig: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/18698-kraft-der-visionen_21692, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 21692
Rezension drucken
Dipl.-Politologe, Referatsleiter, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden.
CC-BY-NC-SA