/ 06.06.2013
Ole von Beust
Mutproben. Ein Plädoyer für Ehrlichkeit und Konsequenz
Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2012; 206 S.; geb., 19,99 €; ISBN 978-3-579-06662-2Nicht ganz zwei Jahre ist sein Rücktritt als Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg her: Ole von Beust war in jenem denkwürdigen Jahr 2010 einer von mehreren CDU-Spitzenpolitikern, die – wie die öffentliche Meinung es nannte – aus der politischen Verantwortung flüchteten. Warum braucht es nach einer so vehementen, so zielstrebigen Abwendung von der Politik nun diese so typische Politikerbiografie, die weniger historische Rekonstruktion als vielmehr Interpretationshilfe von Vergangenem und Ratgeber (Leitmotiv „Mut“) für gegenwärtige Politik sein soll? „Ich will“, so beantwortet von Beust die Frage selbst, „hier keine klassische Autobiographie schreiben. [...] Dieses Buch ist der Versuch, meine Sicht auf die Dinge darzulegen, auf die Motive meines Handelns.“ (14) Damit ist zwar immer noch nicht klar, wer genau überhaupt nach den Motiven gefragt hat, aber die Motivation der Selbsterläuterung ist zumindest deutlich benannt. Und wenn es eine Episode in der abwechslungsreichen Regierungszeit von Beusts gegeben hat, die auch ex post der Erläuterung bedarf, dann jene, in der er zusammen mit einem gewissen Ronald Schill – vom Boulevard zum „Richter Gnadenlos“ geadelt, später in Südamerika abgetaucht – eine gemeinsame Regierung bildete, seine erste. Und hier schimmert eine erste Blauäugigkeit durch, die dem mutigen Entscheider von Beust, wie er sich selbst zu inszenieren sucht, so gar nicht gut zu Gesicht steht: „Ich ging“, so ist da zu lesen, „in dieser Zeit immer davon aus, dass man Schill und seine Leute schon in den Griff bekommen würde.“ (71) Diese Aussage zeugt von einer fundamentalen Fehleinschätzung der Lage, gleich von Beginn an. Schill zum Innensenator und zum Zweiten Bürgermeister gemacht zu haben, war bis heute die größte politische Wegeröffnung, die eine rechtspopulistische Partei je in diesem Land erfahren hat. Es geht hier also nicht um Schill und einige weitere Verwirrte, die man nur zähmen muss: Letztlich geht es um die Frage, ob die zweitgrößte Stadt Deutschlands von Rechtspopulisten mitregiert werden soll. Diese Frage mit „Ja“ beantwortet zu haben, zeugt nicht von Mut – sie zeugt von politischer Kurzsichtigkeit und Unvernunft. „Vielleicht hatte ich mir Schill selbst auch nur schöngeredet.“ (79) – Nein muss man entgegnen, das ist nicht der Kern der Sache; es ging zu keiner Zeit um die Person, sondern um die Prinzipien, die Schill mitsamt seiner heute inexistenten Partei damals erschreckend erfolgreich vertrat. Und was bleibt sonst noch von dem Buch? Lediglich der Eindruck, dass das Durchschreiten der verschiedenen Lebens- sowie der politischen Stationen von Beusts in einer merkwürdig sperrigen Sprache daherkommt.
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.3 | 2.325 | 2.331
Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Ole von Beust: Mutproben. Gütersloh: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9182-mutproben_42364, veröffentlicht am 02.08.2012.
Buch-Nr.: 42364
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Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
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