/ 05.06.2013
Michael Birkner (Hrsg.)
Quo vadis Kirche? Die Zukunft der Kirche im Osten Deutschlands an der Schwelle zum dritten Jahrtausend
Leipzig: benno Verlag 1997; 183 S.; geb., 19,80 DM; ISBN 3-7462-1222-7"Früher habe ich immer geglaubt, an Gott zu glauben, sei im Westen leichter, jetzt sehe ich das anders." Das jedenfalls war nach dem Bericht Christian Vornewalds, der Studenten- und Gemeindepfarrer in Magdeburg ist, die Erkenntnis einer katholischen Studentin im Jahr 1991 (164). Dem politischen, von den Kirchen letztlich forcierten Aufbruch von 1989/90 folgte ein für die Kirche wie ihre Mitglieder ungeahnter gesellschaftlicher Umbruch. Dieser Umbruch wird hier von 23 Autorinnen und Autoren im Hinblick auf seine Konsequenzen für die zahlenmäßig kleine katholische Kirche in den östlichen Bundesländern thematisiert. Zu Wort kommen sechs Bischöfe, (mindestens) neun weitere Geistliche, die in einer Gemeinde oder kirchlichen Einrichtung tätig sind, eine Ordensfrau und einige Laien, die zum Teil Mitglieder des Zentralkomitees der deutschen Katholiken sind. In allen Beiträgen wird auf dementsprechend unterschiedliche Weise um den Übergang von einem durch zwei Diktaturen geprägten kirchlichen Selbstverständnis als "Insel in einem feindlichen Ozean" (166) zu einem neuen Rollenverständnis von Kirche und Gläubigen in den für sie "neuen ordnungspolitischen Konzepten 'Demokratie' und 'soziale Marktwirtschaft'" (141) gerungen. Die hier formulierten Perspektiven weisen auf den ersten Blick mehr als nur Akzentunterschiede auf: Binnenkirchlich geht es um die Frage von religiöser Einheit bei divergierenden Ansichten über Amt und Laienengagement, um die Gewichtung zwischen Gemeindearbeit und gesellschaftlichem und insbesondere bildungspolitischem Engagement, um das Verhältnis von Spiritualität und Weltdienst. Aufschlußreich ist etwa ein Vergleich des Beitrages von Hanna Renate Laurien, deren pragmatisch-tatkräftige Sicht unzweifelhaft durch die katholische Kirche West geprägt ist, mit dem Beitrag von Hans Joachim Meyer, der die "kleine Herde" - so das gängige Bild der Selbstbeschreibung der katholischen Kirche in der DDR - vor der Gefahr des drohenden gesellschaftspolitischen "Gegeneinanders von Christen" (131) zu bewahren sucht. In manchem der Beiträge wird der Wille, die mit dem politischen Umbruch gegebenen pastoralen Chancen und gesellschaftspolitischen Spielräume der Kirche zugunsten einer Mitgestaltung der bundesdeutschen Demokratie zu nutzen, deutlich formuliert (etwa 84-89). Die Lektüre der Beiträge verstärkt aber den Eindruck, daß die entscheidenden Klärungen und Grundlegungen für die Zukunftsfähigkeit der katholischen Kirche (im Osten wie im Westen) heute im religiös-binnenkirchlichen Raum anstehen. Die von den Schreibenden selbst angesprochenen, vielfältigen Spannungen und Konflikte dieser Art können aber nicht verdecken, daß der Konsensbereich unter ihnen letztlich breiter ist, als es auf den ersten Blick scheint: Die Zukunft katholischen Lebens in der östlichen Diaspora wird in einer Pflege und Vertiefung der in den Jahren der Diktatur gereiften Erfahrung christlicher Spiritualität, einer echten Ökumene, in einem offenen, Menschen einladenden und anziehenden Gemeindeleben, in einem besonderen Dienst an den Schwachen der Gesellschaft und in einer Auseinandersetzung mit den sozialethischen Herausforderungen der Gegenwart gesehen. Politikwissenschaftlich gewendet bedeutet dies, daß die katholische Kirche trotz ihrer inneren Konflikte in den jungen Bundesländern weiterhin eine gesellschafts- und parteipolitische Rolle spielen wird, deren Bedeutung aber wohl von der Fähigkeit des einzelnen und der Gemeinden abhängen wird, eine neue Balance zwischen Spiritualität und christlichem Weltauftrag zu finden. Die Gleichzeitigkeit der Konflikte um den richtigen Weg der Kirche in die Zukunft und des breiten gemeinsamen religiösen Fundaments sichtbar, nachvollziehbar und damit diskutierbar gemacht zu haben, macht den Wert und das Verdienst dieses vom Verleger des benno-Verlages, Michael Birkner (vgl. 7), gegen Widerstände zusammengebrachten Sammelbandes aus.
Antonius Liedhegener (Li)
Dr., wiss. Ass., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.uni-jena.de/svw/powi/sys/liedhege.html).
Rubrizierung: 2.35
Empfohlene Zitierweise: Antonius Liedhegener, Rezension zu: Michael Birkner (Hrsg.): Quo vadis Kirche? Leipzig: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7928-quo-vadis-kirche_10506, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 10506
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Dr., wiss. Ass., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.uni-jena.de/svw/powi/sys/liedhege.html).
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