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/ 17.06.2013
Martin Kempe

10 Jahre ver.di – Die Chancengewerkschaft. Ein Essay

Münster: Westfälisches Dampfboot 2011; 113 S.; 9,90 €; ISBN 978-3-89691-883-3
Wenn ehemalige Insider einer Organisation über deren historische Entwicklung und aktuelle Perspektiven schreiben, besteht durchaus die Chance Einblicke zu erhalten, die über allgemein zugängliche Quellen hinausgehen. Es besteht damit freilich ebenso die Gefahr einer Abrechnung oder Glorifizierung. Dieser Problematik war sich Martin Kempe, ehemaliger Chefredakteur des ver.di-Mitgliedermagazins Publik, durchaus bewusst, als er seinen Essay zum 10. Geburtstag der Gründung der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft vorlegte. Wohl auch deswegen wird der Leser zunächst vor allem mit Dingen konfrontiert, die „in der innergewerkschaftlichen Modernisierungs- und Reformdebatte der achtziger und neunziger Jahre wieder und wieder benannt worden“ (33) sind. Dementsprechend sind die Erwartungshaltungen an die ver.di-Gründung sicherlich hoch, vielleicht auch überzogen gewesen. Eine Reihe struktureller Gründe mögen dafür eine Rolle gespielt haben. Allerdings nimmt der Autor im Folgenden eher eine Perspektive ein, die durchaus auf einige Binnenschwierigkeiten der Matrixorganisation hinweisen, die sicherlich nicht neu sind, aber doch ein manifestes Problem darstellen. So biete die Gewerkschaft „Nischen für unterschiedliche Gruppierungen und Anliegen, die nicht unmittelbar zum Kern gewerkschaftlicher Arbeit zählen“ (45). In der Organisation binden über 12.500 satzungsrechtlich erforderliche Konferenzen in vier Jahren erhebliche Ressourcen, was die betriebliche Arbeit nicht erleichtere. Der allgemeine politische Anspruch, den ver.di für sich reklamiert, führe zu einer „Gratwanderung zwischen Profillosigkeit und mangelnder allgemeiner Glaubwürdigkeit auf der einen, Mitgliederbindung in ‚problematischen‘ Bereichen auf der anderen Seite“ (65). Hier hebt sich Kempe erkennbar von den offiziellen Verlautbarungen ab, die „allein die externen, außerhalb von ver.di liegenden wirtschaftlichen und sozialen Faktoren […] für den Mitgliederschwund verantwortlich machen“ (82). Doch ungeachtet solcher Hinweise ist die Grundsympathie des Autors für ver.di ungebrochen. Sein normativer Standpunkt führt den Autor am Ende dann zu der Erkenntnis, dass die Organisation sich trotz allem auf richtige Art und Weise den aktuellen Herausforderungen stellen könne und dieses auch hoffentlich tun werde.
Stephan Klecha (SKL)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Institut für Demokratieforschung der Universität Göttingen.
Rubrizierung: 2.331 Empfohlene Zitierweise: Stephan Klecha, Rezension zu: Martin Kempe: 10 Jahre ver.di – Die Chancengewerkschaft. Münster: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/14889-10-jahre-verdi--die-chancengewerkschaft_41288, veröffentlicht am 13.10.2011. Buch-Nr.: 41288 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA