/ 21.06.2013
Hermann Lübbe
Vom Parteigenossen zum Bundesbürger. Über beschwiegene und historisierte Vergangenheiten
München: Wilhelm Fink Verlag 2007; 143 S.; kart., 16,90 €; ISBN 978-3-7705-4491-2Das Beschweigen persönlicher Verfehlungen während des Dritten Reiches hatte für die demokratische Entwicklung der Bundesrepublik einen integrativen und damit stabilisierenden Sinn – mit dieser These entfachte der politische Philosoph Lübbe 1983 eine intensive Debatte, die er nunmehr rückblickend kommentiert. Die These hatte er pragmatisch begründet: Es war nach 1945 notwendig, einen neuen Staat einzurichten, aber es sei nicht möglich, dafür ein ganzes Volk einzutauschen. Das stille Abkommen, die evidente und daher nicht verdrängte persönliche Schuld auf sich beruhen zu lassen, sei zudem politisch bestärkt worden durch den Kalten Krieg. Nicht die reuige Vergegenwärtigung vergangener Schuld, sondern der gegenwärtige Einsatz würde das politische Selbstgefühl verändern – sofern er zu einer zustimmungsfähigen Vergangenheit gerinne. Und so bezeichnet er sich selbst als „Ja-Sager“, der die „zweite deutsche Demokratie“ (115) gewollt und gefördert habe und diese Leistung auch gewürdigt sehen will. Eine innere Wandlung hingegen gehöre in die persönliche Beichte und werde erst im Jüngsten Gericht offenbar; wer sie hingegen politisch einfordere, überhebe sich selbst und huldige einem politischen Moralismus. Dass aber ein gemeinsames Beschweigen die gesellschaftliche Befindlichkeit (zur Anpassung) beeinflusst habe, wird nicht akzentuiert. Statt dessen kritisiert Lübbe vehement die „Jugendbewegung“ (15), die im Rückgriff auf spätmarxistische Theoreme seit 1967 auf Distanz zur Bundesrepublik gegangen sei. Damit verbanden sich Verdächtigungen und persönliche Schmähungen, die kennzeichnend für den inkriminierten politischen Moralismus seien. Aber der Verlauf der deutschen Nachkriegsgeschichte habe sowohl eine minutiöse Aufarbeitung des Nationalsozialismus wie den Aufbau einer stabilen, ideologieresistenten Demokratie gezeitigt – diese Etablierung der Bürgerlichkeit sei Ziel des Streites über die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit.
Volker Stümke (VS)
Dr., evangelischer Theologe, Priv.-Doz. für evangelische Sozialethik, Führungsakademie der Bundeswehr Hamburg.
Rubrizierung: 2.35
Empfohlene Zitierweise: Volker Stümke, Rezension zu: Hermann Lübbe: Vom Parteigenossen zum Bundesbürger. München: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/27859-vom-parteigenossen-zum-bundesbuerger_32723, veröffentlicht am 03.12.2007.
Buch-Nr.: 32723
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Dr., evangelischer Theologe, Priv.-Doz. für evangelische Sozialethik, Führungsakademie der Bundeswehr Hamburg.
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