/ 21.06.2013
Navid Kermani
Wer ist wir? Deutschland und seine Muslime
München: C. H. Beck 2009; 173 S.; geb., 16,90 €; ISBN 978-3-406-57759-8Nur noch selten werde er, schreibt der in Köln lebende Orientalist Kermani – geboren und aufgewachsen im westfälischen Siegen – gefragt, wann er denn in seine Heimat zurückkehren wolle. Dass Fragen dieser Art – die er selbst übrigens nur als kurios, nicht aber als diskriminierend erlebte – kaum noch gestellt werden, ist für den Autor ein Indiz unter vielen, an denen die Integrationsleistung der Bundesrepublik abgelesen werden kann. Innerhalb von zwei, drei Jahrzehnten hat sich Deutschland an das Faktum der Einwanderung gewöhnt und zeigt sich deutlich weltoffener als in den 70er-Jahren. Auf der unspektakulären Ebene des Alltags funktioniert das Zusammenleben zwischen Deutschen und zugewanderten Muslimen vielfach gut – und Kermani illustriert das an etlichen Beispielen eigenen Erlebens. Allerdings entwirft der mediale Diskurs in öffentlichen Debatten, Politikerreden und Talkshows ein anderes Bild und schafft damit – gewollt oder nicht – eine zweite Wirklichkeit. Dieser mediale Diskurs ist – gewiss nicht nur hierzulande – identitätsfixiert. Ob als Suche nach Wesensmerkmalen einer deutschen Leitkultur oder in Auseinandersetzungen über die Grenzen des Multikulturalismus, immer geht es um Konstruktion und Verteidigung einer westlichen Identität, die eigentlich nur von der Differenz zu einem Anderem lebt. In diesem Zusammenhang fungiert der Islam – genauer: das herrschende Bild des Islams – als Kontrastfolie, von der die Definition eines deutschen „Wir“ abgehoben wird. Kermani belegt überzeugend, dass sich derartige Schematisierungen – obschon realitätsverzerrend sowohl gegenüber der Heterogenität des wirklichen Islams als auch hinsichtlich der ethnischen Pluralität westlicher Gesellschaften – in den Köpfen festsetzen und damit handlungswirksam sein können. Gegen derartige essentialisierende Identitätskämpfe setzt der Autor sein Lob der Differenz: Die Attraktivität des europäischen Projektes beruht eben darauf, „kein erweiterter Nationalstaat [zu sein], sondern ein Modus, Unterschiede politisch zu entschärfen, um sie zu bewahren“ (136).
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.35
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Navid Kermani: Wer ist wir? München: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/30568-wer-ist-wir_36300, veröffentlicht am 02.09.2009.
Buch-Nr.: 36300
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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