/ 04.06.2013
Jonathan Shay
Achill in Vietnam. Kampftrauma und Persönlichkeitsverlust. Mit einem Vorwort von Jan Philipp Reemtsma. Aus dem Amerikanischen von Klaus Kochmann
Hamburg: Hamburger Edition 1998; 320 S.; geb., 58,- DM; ISBN 3-930908-36-0Als Psychiater hat der Autor in den USA über einen längeren Zeitraum eine Gruppe ehemaliger Soldaten mit Kampferfahrungen im Vietnamkrieg betreut, die an schweren posttraumatischen Persönlichkeitsstörungen leiden. Bei Auswertung der Befragungsprotokolle stellte er bemerkenswerte Parallelen zur Darstellung des Verhaltens und der Erfahrungen von Soldaten im Krieg in Homers Ilias fest. Die Untersuchung dieser Parallelen im systematischen Vergleich macht den ersten Teil der Studie aus. Zwei Erscheinungen als Folge schwerer, lang andauernder Kampfhandlungen hebt der Autor dabei als wesentliche hervor: den "Verrat an 'dem, was recht ist'" durch Befehlshaber oder Repräsentanten der gesellschaftlichen Macht zum einen, den "Ausbruch des Berserkertums" (16) zum anderen. Die literarische Reflexion extremer Kriegserfahrung aus der Sicht des kämpfenden Soldaten am Beispiel der Gestalt des Achilles nutzt Shay, um der (nordamerikanischen) Öffentlichkeit ein Verständnis der spezifischen Wirkung katastrophaler Kriegserfahrungen zu vermitteln, wie sie bei Veteranen des Vietnamkrieges aufgetreten ist. Daran schließt die Zielsetzung des zweiten Teils an, der vor allem die Voraussetzungen für die psychischen Verletzungen und dauerhaften Charakterstörungen behandelt: Feindbilder und ihre gesellschaftliche Vermittlung, extreme Begleitumstände der Kampfhandlungen, Bewertung der Kämpfe und Ansehen der kämpfenden Soldaten in der eigenen Gesellschaft. Im dritten Teil beschäftigt sich der Autor mit den individuellen Nachwirkungen der traumatischen Störungen infolge der gesellschaftlichen Reaktionen und erörtert Möglichkeiten, durch einen allgemeinen Wandel der gegenwärtig im Westen geläufigen Anschauung vom Krieg die Entstehung derartiger "traumatischer Verletzungen" zu vermeiden. Hierfür schlägt er vor, Krieg nicht (länger) als "industriellen Prozeß" (276) anzusehen und kritisiert eine "Konkurrenz der Opfer" (278).
Michael Hein (HN)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Arbeitsstelle für graphische Literatur, Universität Hamburg, freier Lektor, Übersetzer, Publizist.
Rubrizierung: 2.64 | 2.68 | 4.22
Empfohlene Zitierweise: Michael Hein, Rezension zu: Jonathan Shay: Achill in Vietnam. Hamburg: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/5493-achill-in-vietnam_7179, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 7179
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Arbeitsstelle für graphische Literatur, Universität Hamburg, freier Lektor, Übersetzer, Publizist.
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