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/ 21.06.2013
Loïc Wacquant

Bestrafen der Armen. Zur neoliberalen Regierung der sozialen Unsicherheit. Aus dem Französischen von Hella Beister

Opladen/Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich 2009; 359 S.; 29,90 €; ISBN 978-3-86649-188-5
Die dem Buch vorangestellten Mottos – das eine von Engels, das andere von Durkheim – signalisieren das theoretische Programm, das Wacquant seiner Analyse der ausufernden Law-and-Order-Mentalität in westlichen Demokratien zugrunde legt. Eine Verknüpfung der marxistisch-materialistischen Perspektive mit dem von Bourdieu im Anschluss an Durkheim entwickelten symbolischen Ansatz bildet die konzeptionelle Basis der vom Autor beabsichtigten „historischen Anthropologie des Staates [...] im Zeitalter des aufsteigenden Neoliberalismus“ (17). Empirischer Anstoß der Studie ist die in den USA seit Langem, neuerdings in Ansätzen auch in Westeuropa zu beobachtende Tendenz einer massiven Zunahme der Intensität und Reichweite des Strafens, obschon sich die Kriminalitätsentwicklung in diesen Zeiträumen weder dort noch hier sprunghaft veränderte. Wacquant konzentriert sich auf die amerikanischen Verhältnisse – den rigiden Abbau sozialstaatlicher Leistungen durch die Umstellung von Welfare auf Workfare, den ungehemmten Ausbau des Gefängnissektors und der Überwachungstechniken und schließlich die primären Zielgruppen derartiger Strategien in Gestalt des Subproletariats der Schwarzenghettos – und behandelt aber auch am Beispiel Frankreichs entsprechende europäische Adaptionen dieser Engführung von Sozial- und Strafverfolgungspolitiken. Er interpretiert diese Prozesse als Etappen in der Durchsetzung eines neuen, liberal-paternalistischen Regimes, das gegenüber der Ökonomie einen Abbau staatlicher Regulierungen betreibt und gegenüber dem Sozialen eine autoritäre Moralordnung durchsetzt. Vor diesem Hintergrund ist der Aufbau eines expansiven und proaktiven Strafverfolgungsapparates die bürokratische Antwort der politischen Eliten auf die Erosion der solidaritätsfördernden fordistischen Lohnarbeit und die dadurch ausgelösten Desolidarisierungen und sozialen Ängste. Adressiert an die „in den Rissen und Schlaglöchern der neuen ökonomischen Landschaft hängen gebliebenen marginalen Teile der Bevölkerung“ (14) heißt die Botschaft jetzt statt Recht auf Beschäftigung Recht auf Sicherheit.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.22.212.64 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Loïc Wacquant: Bestrafen der Armen. Opladen/Farmington Hills: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/31022-bestrafen-der-armen_36874, veröffentlicht am 21.10.2009. Buch-Nr.: 36874 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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