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/ 30.01.2014
Peter Birle (Hrsg.)

Brasilien. Eine Einführung

Frankfurt a. M.: Vervuert Verlag 2013 (Bibliotheca Ibero-Americana 151); 298 S.; 19,80 €; ISBN 978-3-86527-782-4
Erst gegen Ende dieser breit angelegten, differenzierten landeskundlichen Einführung kommt dann doch noch König Fußball vor, der, wie eine Texttafel im Fußballmuseum in Sao Paulo konstatiert, der eigentliche Schlüssel zum Verstehen des Landes sei: „Dieser Fußball, den wir manchmal hassen. Dieser Fußball, den wir immer lieben. Und ohne den wir nicht leben können. Und ohne den, vor allen Dingen, wir Brasilien nicht verstehen.“ (255) Die brasilianische Liebe zum Fußball mag jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Entwicklung des Landes, wie Peter Birle in seiner Einleitung hervorhebt, in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts hochgradig ambivalent gewesen ist: Nach der Herstellung politischer, wirtschaftlicher und zunehmend auch rechtsstaatlicher Stabilität bestehen nach wie vor gravierende Unterschiede etwa in der Einkommensverteilung, weitverbreitete Korruption und massive wachstums‑ und entwicklungsinduzierte Umweltzerstörungen. Anhand verschiedener Politik‑ und Gesellschaftsfelder lassen sich diese multiplen Ambivalenzen nachzeichnen. Marcel Vejmelka etwa spürt ihnen in den Großstädten nach. Dabei, so seine Einschätzung, sind es nicht bloß die rationalen, geplanten Stadtgründungen, für die Brasilien einige herausragende Beispiele – Brasilia, Teresina, Rio Branco oder Belo Horizonte – hervorgebracht hat, sondern gerade auch die „armen Vorstädte oder illegalen Siedlungen, die Urformen der heutigen Favelas“ (189), die dem krisenhaften, ambivalenten Charakter brasilianischer Urbanität entsprechen. Neben klassischen Politikbereichen, wie der Analyse des politischen Systems oder der Wirtschafts‑ und Außenpolitik, finden sich auch eher kulturell akzentuierte Beiträge, beispielsweise der von Cornelius Schlicke über die „Identitätskonstruktion in der populären Musik Brasiliens“ (219). Schlicke weist darin nach, dass sich nicht zuletzt im Samba die soziale Heterogenität der brasilianischen Gesellschaft in ihrer Entwicklung spiegle. Dazu gehörten sowohl die indigenen Bevölkerungsanteile als auch die Relikte aus portugiesischer Kolonialzeit. Das Land, so wird deutlich, blickt auf eine lange, wechselvolle Geschichte zurück, noch dazu auf eine immer noch problematische. Aber es ist, daran besteht kein Zweifel, weit mehr als Fußball: So finden nicht nur nach der WM 2014 schon 2016 die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro statt. Ohne Zweifel muss uns Brasilien auch noch weit darüber hinaus beschäftigen.
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.652.222.2624.22 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Peter Birle (Hrsg.): Brasilien. Eine Einführung Frankfurt a. M.: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/36662-brasilien-eine-einfuehrung_44585, veröffentlicht am 30.01.2014. Buch-Nr.: 44585 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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