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/ 22.06.2013
Michael Riekenberg

Caudillismus. Eine kurze Abhandlung anhand des La Plata-Raums

Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2010; 119 S.; brosch., 19,- €; ISBN 978-3-86583-298-6
Mit dem Begriff „Caudillo“ wurden ursprünglich die Anführer kriegerischer Gruppen in den Unabhängigkeitskriegen Lateinamerikas im frühen und mittleren 19. Jahrhundert bezeichnet. Riekenberg konzeptualisiert den Begriff des Caudillismus, der sich auf die Gewaltakteure dieser Region bezieht, aus herrschaftssoziologischer, sozialanthropologischer, funktionalistischer und kulturhistorischer Sicht. Der Autor bezieht sich in seinem Text auf die Caudillos des La Plata-Raumes. Dieses liegt am Mündungsgebiet des La Plata-Flusses auf dem Gebiet der heutigen Staaten Argentinien und Uruguay. Die Bevölkerung dieses Gebietes lebt von seminomadischer Viehwirtschaft. Die weiten Grasländer dieser Region münden in offene Grenzgebiete – sogenannte Frontiers. Dieser ursprüngliche Lebensraum begünstigt nach Auffassung des Autors die Herausbildung von Gewaltakteuren wie den Caudillos. Riekenberg differenziert zwischen offenen und geschlossenen Kriegswirtschaften. So übernahm der Caudillo in geschlossenen Kriegswirtschaften eine Versorgungsfunktion für seine Anhänger und deren Familien, während er in offenen Kriegswirtschaften von der Bevölkerung oder städtischen Kaufleuten zur Durchsetzung ihrer Interessen angeworben wurde. In Anlehnung an Max Webers Theorie der charismatischen Herrschaft begreift Riekenberg das Charisma des Caudillo als determinierenden Faktor für dessen Machtgewinn nach dem Sturz der spanischen Herrschaft. Das daraus resultierende institutionelle Machtvakuum sei durch die militärische Kontrolle der charismatischen Caudillos ersetzt worden. Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass der Caudillismus nicht als reines Gewaltphänomen, sondern vielmehr als eine legitime Herrschaftsform bewertet werden kann. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts habe er allerdings an Bedeutung verloren, mit dem Ausbau wichtiger Infrastrukturen im ländlichen Raum (wie etwa der Eisenbahn- oder des Telegrafenwesens) ging eine Konsolidierung der nationalstaatlichen Ordnung einher.
Marinke Gindullis (MG)
Politikwissenschaftlerin.
Rubrizierung: 2.652.25 Empfohlene Zitierweise: Marinke Gindullis, Rezension zu: Michael Riekenberg: Caudillismus. Leipzig: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/33257-caudillismus_39766, veröffentlicht am 17.03.2011. Buch-Nr.: 39766 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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