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/ 12.06.2013
Muriel Blaive / Christian Gerbel / Thomas Lindenberger (Hrsg.)

Clashes in European Memory. The Case of Communist Repression and the Holocaust

Innsbruck u. a.: Studien Verlag 2011 (European History and Public Spheres 2); 294 S.; 39,90 €; ISBN 978-3-7065-4812-0
Die Erinnerungsforschung hat sich in den vergangenen zwei Dekaden zu einer eigenen Teildisziplin innerhalb der Zeitgeschichte entwickelt. Im Zuge dieses Prozesses ist jedoch auch immer stärker die Debatte um die Aneignung von historischen Prozessen in den Vordergrund getreten. Hierbei steht vor allem die Frage, inwieweit Erinnerung Geschichte ersetzen kann und in welchem Maße sich die beiden Methoden gegenseitig blockieren oder gar ausgrenzen („history/memory cohabition“ [8]), im Vordergrund. Das Herausgeberteam positioniert sich innerhalb des methodischen Diskurses an der Schnittstelle und plädiert für ein konstruktives Miteinander beider Methoden. Die Beiträge des Bandes zur Erinnerung an den Holocaust und die sowjetischen Repressionen spiegeln diesen Anspruch der „history/memory dialetics“ (11) wider. Im ersten Teil wird anhand von drei Erinnerungsfallstudien zum Gulag, zum Holocaust und zum historischen Bewusstsein der Ereignisse im Krieg zwischen Serbien und Kroatien aufgezeigt, dass historische Rekonstruktion verschiedenen Herausforderungen unterliegt und somit die methodische Ausrichtung immer von der spezifischen Fallstudie abhängt. So arbeitet Maria Ferretti in ihrer Untersuchung zur Ermordung der Juden in den sowjetischen Gulags heraus, dass die Datenerhebung auf der Basis von Interviews mit Zeitzeugen durch das strikte Tabu zum scheinbar populären Antisemitismus erschwert wurde und erst die Öffnung der Archive während der Perestroika Erkenntnis gebracht hat. Hier ermöglichte also nur ein multidimensionaler methodischer Ansatz die Ergebnisse. Die Sackgasse, die sich aus der Exklusivität von Archivarbeit oder Zeitzeugeninterviews ergibt, steht auch im Mittelpunkt der Analyse von Natalija Bašič, die mithilfe von Zeugenaussagen aus den verschiedenen Generationen kroatischer und serbischer Familien die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs vor dem Hintergrund aktueller Forschung dekodiert, rekodiert und schlussendlich rekonstruiert. Auch der methodische Ansatz von Gabi Dolf-Bonekämper überzeugt durch seinen Erkenntnisgewinn und der kritischen Auseinandersetzungen mit Kollektiverinnerung und Gedächtniskollektiven. Die Autorin fragt in diesem Kontext nach den Auswirkungen auf die Geschichtsschreibung, wenn Akteure mit verschiedenen kulturellen Hintergründen ihre Erinnerungen teilen und somit Geschichte aufarbeiten. Dieser Frage wird auch in dem abschließenden Kapitel nachgegangen, in dem Pieter Lagrou Europa als Ort eines neuen Gedächtniskollektivs untersucht und somit neue Perspektiven, aber auch Probleme für die Forschung aufzeigt.
Anja Franke-Schwenk (AF)
Dr. des., wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften (Bereich Politikwissenschaft), Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.232.352.42.52.612.62 Empfohlene Zitierweise: Anja Franke-Schwenk, Rezension zu: Muriel Blaive / Christian Gerbel / Thomas Lindenberger (Hrsg.): Clashes in European Memory. Innsbruck u. a.: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/14493-clashes-in-european-memory_40654, veröffentlicht am 04.08.2011. Buch-Nr.: 40654 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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