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/ 20.06.2013
Malte Rolf

Das sowjetische Massenfest

Hamburg: Hamburger Edition 2006; 454 S.; 35,- €; ISBN 978-3-936096-63-7
Geschichtswiss. Diss. Tübingen; Betreuer: D. Beyrau. – Das Massenfest war eines der Herrschaftsmittel der Bolschewiki. Feste dienten ihnen als Instrument, politische Ziele zu popularisieren und zugleich die Untertanen zu formen. Durch Paraden und Aufmärsche vermittelte der Propagandastaat seine kulturellen Standards und seine Weltanschauung. Mit dem Fest präsentierte die bolschewistische Inszenierungsdiktatur ihre Leistungen und visualisierte die neue gesellschaftliche Ordnung. „Festexperten“ entwickelten spezifische Rituale und Kommissionen planten aufwendige Choreografien. Daher waren diese Feste keine Veranstaltungen, die von Kommunisten für Kommunisten ausgerichtet wurden, sondern Orte, an denen das Volk seine Verbundenheit mit der Führung bekunden sollte. Sie demonstrierten die Errungenschaften der Sowjetunion, versprachen eine noch bessere Zukunft und priesen die Weisheit der Staats- und Parteieliten. Nach Stalins Tod im Jahr 1953 entideologisierten sich die Feste zunehmend und verlagerten sich in den privaten Raum. Während die öffentlichen Rituale in den 60er-Jahren dann ihren Sinn verloren, schufen bzw. erhielten private Feierlichkeiten jenen gesellschaftlichen Zusammenhang, den das System immer angestrebt hatte. Die Feiertage des kommunistischen Kalenders erhielten somit eine gesellschaftliche Bedeutung, die ihren Fortbestand auch nach dem Ende der Sowjetunion sicherte. Malte verfolgt in seiner mehrfach ausgezeichneten Dissertation, wie zeremonielle Praktiken mit offiziellen Normen zu einer spezifischen, hybriden Festkultur verschmolzen und verbindet damit geschichts- und kulturwissenschaftliche Perspektiven. Dabei liegt der Schwerpunkt der Untersuchung auf den 20er- und 30er-Jahren, als die festtäglichen Ansammlungen immer mehr zu sorgsam in Szene gesetzten Massenkundgebungen wurden. Die Darstellung beruht auf langjährigen Archivstudien in Moskau und in der russischen Provinz, auf der Auswertung von Dokumentensammlungen, Reiseberichten, Memoiren und einer Fülle von Forschungsliteratur, die in den vergangenen Jahren zu Fest und Festkultur erschienen ist.
Markus Kaim (MK)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Forschungsgruppe "Sicherheitspolitik", Stiftung Wissenschaft und Politik, Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit, Berlin.
Rubrizierung: 2.622.24 Empfohlene Zitierweise: Markus Kaim, Rezension zu: Malte Rolf: Das sowjetische Massenfest Hamburg: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/25848-das-sowjetische-massenfest_30009, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 30009 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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