/ 03.06.2013
Norman M. Naimark
Die Russen in Deutschland. Die sowjetische Besatzungszone 1945 bis 1949
Frankfurt a. M.: Propyläen Verlag 1997; 719 S.; 78,- DM; ISBN 3-549-05599-4Als die sowjetischen Armeen ihre letzte Offensive gegen das Deutsche Reich starteten, war die politische Entscheidung über Deutschland nach der Kapitulation zwar schon gefallen, aber Stalin hatte keine Perspektive für die eigene Besatzungszone entwickelt. Die Entstehung der DDR ist das Resultat der Interaktion von Deutschen und Sowjets, wobei die sowjetische Perspektive im Gegensatz zur ostdeutschen mehr nach außen gerichtet war. Stalin empfand politische Rückschläge, wie die SED-Wahlniederlage in Berlin als Niederlage gegenüber dem Westen, während man die Schwierigkeiten der Amerikaner bei der Entnazifizierung als sowjetische Siege buchte. Das Verhältnis zwischen Sowjets und Deutschen war vielschichtig und sicherlich nicht so positiv, wie es allgemein in der DDR dargestellt worden ist — das düstere Kapitel über die Vergewaltigung deutscher Frauen durch sowjetische Soldaten hat die Beziehungen schwer belastet. Wiederum erwies sich die Sowjetische Militärverwaltung angesichts der deutschen Besatzungspraxis in der Sowjetunion in vielen Bereichen als überraschend entgegenkommend und keineswegs rachelüsternd, wie man nach dem Chaos der ersten Wochen nach der Kapitulation vermuten könnte. Naimark ist eine fundierte Darstellung eines der schwierigsten Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte gelungen. Trotz der manchmal grausigen Details, zum Beispiel über die Vergewaltigungen deutscher Frauen durch sowjetische Soldaten, gerät die Darstellung nicht zu einer Anklageschrift gegenüber der UdSSR, auch wenn die Führungsfehler nicht verschwiegen werden und letztendlich auch deutlich wird, daß die sowjetische Besatzungsverwaltung bei aller Anstrengung Chaos und Willkür nicht verhindern konnte.
Inhalt: 1. Von der sowjetischen zur deutschen Verwaltung; 2. Sowjetsoldaten, deutsche Frauen und das Problem der Vergewaltigungen; 3. Reparationen, Demontage und die wirtschaftliche Umgestaltung der Sowjetzone; 4. Ausnutzung der deutschen Wissenschaften durch die Sowjets; 5. Die Sowjets und die deutsche Linke; 6. Die Tulpanow-Frage und die sowjetische Besatzungspolitik; 7. Der Aufbau des ostdeutschen Polizeistaates; 8. Die Kultur- und Bildungspolitik.
Axel Gablik (AG)
Dr., Historiker.
Rubrizierung: 2.313 | 4.22 | 2.62
Empfohlene Zitierweise: Axel Gablik, Rezension zu: Norman M. Naimark: Die Russen in Deutschland. Frankfurt a. M.: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/3151-die-russen-in-deutschland_4139, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 4139
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Dr., Historiker.
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