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/ 19.06.2013
Raphaela Kell

Die strukturelle Reformunfähigkeit der Weltbank. Hintergründe und Argumentationslinien

Marburg: Tectum Verlag 2012; XIV, 512 S.; pb., 34,90 €; ISBN 978-3-8288-2918-3
Diss. Aachen. – Die Forderung nach einer wirtschafts- und entwicklungspolitischen Neuausrichtung der Weltbank steht nicht zuletzt wegen ihrer mangelnden Erfolge in der Armutsbekämpfung seit Jahrzehnten im Raum. Als wichtige Voraussetzung für eine solche Reform werden gemeinhin Änderungen der formalen Strukturen wie z. B. die Stimmrechtsregelung zugunsten von Entwicklungs- und Schwellenländern gesehen. Dahinter steht die Annahme, so die Autorin, dass es sich bei der Weltbank um „ein interessenpolitisches Machtinstrument ihrer Hauptanteilseigner, allen voran der USA“ (3), handelt. Kell hinterfragt diese in der Weltbankforschung vorherrschende Instrumentalisierungsthese sowie den damit zusammenhängenden Vorwurf der strukturellen Reformunfähigkeit. Sie sieht die Reformdebatte von interpretativen Verzerrungen und Fehlansätzen geprägt und möchte mit dieser diskursanalytischen Studie einen wissenschaftlichen Perspektivwechsel anregen. Hierfür untersucht sie erstens, ob tatsächlich eine Reformunfähigkeit besteht, und zweitens, wie diese in der Forschung begründet wird, um, drittens, aus den hieraus gewonnenen Erkenntnissen neue Fragestellungen abzuleiten. Um den „Organismus Weltbank“ (6) verständlich zu machen, widmet sich die Autorin zunächst nicht nur ausführlich dem Entstehungskontext und der formalen Organisationsstruktur der Weltbank, sondern untersucht die innerbetrieblichen Arbeitsabläufe und informellen Entscheidungsstrukturen. Anschließend fragt sie am Beispiel ausgewählter Projekte, wodurch die Kritik der nationalen Interessensdurchsetzung ausgelöst wurde, wie sich diese zu einer Grundsatzkritik verfestigen konnte und wie die Weltbank auf diese Kritik reagiert. Insgesamt stellt die Autorin fest, dass der Einfluss der USA sowohl bei der Gründung der Bretton-Woods-Institution als auch mittels ihrer Exekutiv-Direktoren in der Arbeitspraxis der Weltbank von den Kritikern überschätzt wird. Vielmehr seien die eigentlichen Verantwortungsträger im Weltbankmanagement und im Mitarbeiterstab zu suchen. Die Diskrepanz zwischen Reformbekundungen und -umsetzung führt Kell auf gewichtige Kooperationsdefizite, Informationsasymmetrien und zwischenhierarchische Konflikte zurück. „Die allgemein übliche Pauschalbenennung ‚Die Weltbank’ spiegelt die politische bzw. machtpolitische Realität dieser Organisation, die von vielen internen Einzelakteuren beeinflusst und gesteuert wird, nicht wider und verleitet zu Fehlinterpretationen auch in der Reformdebatte.“ (384 f.) Die Studie leistet einen wertvollen Beitrag, um solche Pauschalisierungen aufzubrechen.
Anke Rösener (AR)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 4.34.434.44 Empfohlene Zitierweise: Anke Rösener, Rezension zu: Raphaela Kell: Die strukturelle Reformunfähigkeit der Weltbank. Marburg: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/21676-die-strukturelle-reformunfaehigkeit-der-weltbank_42378, veröffentlicht am 22.11.2012. Buch-Nr.: 42378 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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