/ 05.06.2013
Iris Chang
Die Vergewaltigung von Nanking. Das Massaker in der chinesischen Hauptstadt am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Aus dem Amerikanischen von Sonja Hauser
München/Zürich: Pendo Verlag 1999; 283 S.; geb., 48,- DM; ISBN 3-85842-345-9Unter all den Greueltaten der Kriege dieses Jahrhunderts gehören die Ereignisse in der ehemaligen chinesischen Hauptstadt Nanking zweifellos zu den am wenigsten bekannten. Am 13. Dezember 1937 eroberte die japanische Armee Nanking, und in den folgenden sechs bis acht Wochen begann eine vom Blutrausch schier außer Rand und Band geratene Soldateska, die Menschen reihenweise abzuschlachten und Frauen zu Zehntausenden zu vergewaltigen. Bis heute ist nicht klar, wie viele Chinesen während dieses Massakers den Tod fanden. Seriöse Schätzungen sprechen von 200.000 bis 300.000 Ermordeten. Merkwürdigerweise ist das Massaker von Nanking trotzdem bis zum heutigen Tag nur sehr unzulänglich erforscht. In Japan wird es vielfach rundweg geleugnet, und im Westen existieren nur wenige Veröffentlichungen zu diesem Thema. Das Buch der amerikanischen Publizistin Chang ist schon wegen dieser unverständlichen Forschungslücke ein höchst verdienstvolles Werk. Sie schildert die Ereignisse in Nanking aus drei unterschiedlichen Perspektiven: der der chinesischen Opfer, der japanischen Soldaten und schließlich der Europäer und Amerikaner, die in Nanking inmitten des ganzen Chaos eine Sicherheitszone errichteten, der Tausende von Chinesen ihr Leben zu verdanken haben. Chang hat in ihrem Buch eine Vielzahl von erschreckenden Details zusammengetragen, die die Lektüre wegen der Unfaßbarkeit der Ereignisse streckenweise sehr schwer machen. Andererseits schreibt sie äußerst flüssig und leserfreundlich. Trotzdem ist ihr Buch kaum als gelungene historische Studie zu bezeichnen. Dazu wäre ein sorgfältigerer Umgang mit den Quellen unerläßlich gewesen. Chang stützt sich stark auf englischsprachige Literatur; japanische Texte sind nur zu einem sehr geringen Umfang berücksichtigt worden. Vieles wird aus der Perspektive einzelner Augenzeugen erzählt, politische Hintergründe und strukturelle Zusammenhänge werden nicht oder nicht ausreichend gewürdigt. Das Buch ist verdienstvoll, weil es das Augenmerk auf ein zu Unrecht fast vergessenes Thema lenkt. Es wird beim Leser sicherlich auch viel Mitgefühl mit den Opfern hervorrufen. Für die historische Forschung bleibt aber immer noch eine Menge zu tun. Eigentlich fängt die Erforschung des Massakers von Nanking jetzt wohl erst richtig an.
Walter Rösch (WR)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.68
Empfohlene Zitierweise: Walter Rösch, Rezension zu: Iris Chang: Die Vergewaltigung von Nanking. München/Zürich: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8158-die-vergewaltigung-von-nanking_10772, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 10772
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M. A., Politikwissenschaftler.
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