/ 21.06.2013
Dennis Gratz
Elitozid in Bosnien und Herzegowina 1992-1995
Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2007 (Demokratie, Sicherheit, Frieden 182); 277 S.; brosch., 49,- €; ISBN 978-3-8329-3024-0Diss. Hamburg; Gutachter: H.-J. Gießmann, M. Brzoska. – Gratz untersucht die Eliminierung der politischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und geistig-kulturellen Eliten während des Krieges in Bosnien und Herzegowina und ihre Folgen für die Friedenskonsolidierung nach dessen Ende. Seine These lautet, dass im Zeitraum von 1992 bis 1995 ein „systematischer Elitozid an der bosniakischen Bevölkerung des Landes stattgefunden hat“ (15). Das Ziel des Elitozids – damit ist die „systematische Ermordung führender und einflussreicher Persönlichkeiten“ bosniakischer Herkunft gemeint – sei es gewesen, die bosniakische Bevölkerung ihrer Identität und Zukunft zu berauben, ihren Widerstand zu brechen beziehungsweise zu verhindern. „Nachdem die angegriffene Bevölkerungsgruppe dann führerlos und damit zur Gegenwehr nicht mehr fähig war, konnte eine breit angelegte ethnische Säuberung des eroberten Territoriums durchgeführt werden“ (16), so der Autor. Er belegt seine These anhand von Zeugenaussagen, Dokumenten und anderen Quellen, wie z. B. des Internationalen Straftribunals für das ehemalige Jugoslawien und des Instituts für Kriegsverbrechen in Sarajevo. Exemplarisch untersucht er drei Gemeinden in Nordost-, Ost- und Nordwestbosnien, die allesamt Schauplätze massiver Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen waren. Gratz fragt auch nach den Folgen der Vernichtung und blickt auf die aktuelle politische Lage in Bosnien und Herzegowina vor dem Hintergrund der Änderungen der Elitenstrukturen in der Nachkriegszeit. Dabei hebt er insbesondere die Entwicklungen hervor, die der Mangel an Führungspersonal bei allen drei Volksgruppen verursacht hat. Die Tatsache, dass die ethnischen Säuberungen in vielen Teilen des Landes wahrscheinlich irreversibel sein werden, so das düstere Fazit des Autors, schaffe „ein Klima der ‚verlängerten’ Kriegswirkungen“, „Apathie und innere Zerrüttung in allen Gesellschaftsschichten“ (23) hätten soziale wie wirtschaftliche Folgen.
Sabine Steppat (STE)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.61 | 2.25 | 4.41
Empfohlene Zitierweise: Sabine Steppat, Rezension zu: Dennis Gratz: Elitozid in Bosnien und Herzegowina 1992-1995 Baden-Baden: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/28507-elitozid-in-bosnien-und-herzegowina-1992-1995_33591, veröffentlicht am 04.04.2008.
Buch-Nr.: 33591
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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