/ 05.06.2013
Andreas von Bülow
Im Namen des Staates. CIA, BND und die kriminellen Machenschaften der Geheimdienste
München/Zürich: Piper 1998; 624 S.; geb., 46,- DM; ISBN 3-492-04050-0Von Bülow, ehemaliger Bundestagsabgeordneter, Angehöriger der Parlamentarischen Kontrollkommission, zeitweiliger Parlamentarischer Staatssekretär und Bundesminister, versucht mit seinem Buch darzulegen, daß nicht nur die östlichen, sondern auch die westlichen Geheimdienste die vernetzte organisierte Kriminalität "über die Kontinente hinweg" (9) für ihre eigenen Zwecke nutzen. Ergebnis seiner vor allem auf US-amerikanische Publikationen gestützten Recherchen sei ein "letztlich erschreckendes Gemälde der systematischen operativen Verschränkung geheimdienstlicher verdeckter Operationen mit der weltweit organisierten Kriminalität, dem Drogenhandel, aber auch dem Terrorismus" (12). Die Vorwürfe, die von Bülow erhebt, sind heftig: So sei Barschel vom israelischen Geheimdienst Mossad mit Kenntnis des Bundesnachrichtendienstes (BND) umgebracht worden, wie er dem Buch eines israelischen Ex-Agenten entnimmt. Überhaupt gingen zahlreiche unaufgeklärte Morde auf die Konten der westlichen Geheimdienste. Diese hätten auch ein besonderes Interesse an einer Fortsetzung der "Jagd auf Drogenabhängige", denn diese erhöhe letztendlich die "Gewinne für Dealer und Geheimdienste" (241), die sich gleichermaßen am Drogenhandel bereicherten. Dieser Erkenntnis folgt daher ein implizites Werben für die Entkriminalisierung von Drogenbesitz und -konsum, denn hierdurch "könnte mit Rauschgift nicht mehr exzessiv Geld verdient werden" (241).
Die Vorwürfe richten sich zumeist gegen alle westlichen Geheimdienste. Schließlich seien "die anzuführenden Fälle so zahlreich, oft über Länder hinweg so verblüffend gleichgelagert und letztlich auch so zwingend, daß die weltweit zur Geltung kommenden Handlungsstrukturen samt dahinterstehenden Beweggründen erkennbar werden" (13). Erst im Schlußkapitel und Fazit folgt die allgemeine Differenzierung, wonach vor allem die CIA und der Mossad "nur sehr beschränkt Nachrichtendienste im eigentlichen Sinne" seien, "in stark abgeschwächter Form" gelte dies auch "für Teile der Geheimdienste Großbritanniens und Frankreichs, nur noch in Spuren für den BND" (483). Obgleich letzterer außer im Titel nur auf wenigen Seiten behandelt wird - zusammen mit Bundeskriminalamt und -grenzschutz - sind auch hier die Vorwürfe beträchtlich. So konnte nach Ansicht von Bülows der BND im Jugoslawienkonflikt, der "ohne die massive Intervention von Geheimdiensten aller westlichen Staaten weder so [hätte] verlaufen können noch müssen", "sein aus Nazi- beziehungsweise Ustaschazeiten herübergerettetes und pfleglich weiterentwickeltes Agenten- und Informantennetz zum Einsatz bringen", (492) welches mit der nationalistischen Politik des kroatischen Präsidenten Tudjman harmoniert habe.
Es liegt in der Natur der untersuchten Materie des Buches, daß die meisten der in ihm geäußerten Behauptungen schwer überprüfbar sind. Skeptisch stimmt es allerdings, wenn das Überprüfbare offensichtlich falsch ist: So ist in Bad Kleinen keineswegs der "Terrorist Klar" (459 f.) "mehr oder weniger hingerichtet" (460) worden, denn der mutmaßliche Terrorist, der damals starb, hieß Grams. Gänzlich in die Tiefen des Reiches der Konspiration gleitet der Verfasser ab, wenn er einen Zusammenhang zwischen den Ereignissen von Bad Kleinen und dem Brandanschlag von Solingen herzustellen versucht: "Merkwürdigerweise war der Schütze der Polizei [...] zugleich mit anderen Verfassungsschützern, Bereitschaftspolizisten und Bundeswehrangehörigen in Solingen in einer Kampfsportschule ausgebildet worden, in der auch die Solinger Brandstifter ihre Schulung im Rahmen einer rechtsradikalen Jugendgruppe erhalten hatten." (460)
Axel Lüdeke (AL)
Dr., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.21 | 2.324 | 2.64
Empfohlene Zitierweise: Axel Lüdeke, Rezension zu: Andreas von Bülow: Im Namen des Staates. München/Zürich: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6563-im-namen-des-staates_8887, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 8887
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Dr., Politikwissenschaftler.
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