/ 11.06.2013
Heiner Köhnen
Industrielle Beziehungen und betriebliche Auseinandersetzungen in Nordamerika. Neue Unternehmensstrategien und die Automobilgewerkschaften UAW und CAW
Münster: Westfälisches Dampfboot 2000; 485 S.; 68,- DM; ISBN 3-89691-478-2Diss. Frankfurt a. M. - Köhnen unternimmt den Versuch, dem Halbwissen über die amerikanischen Arbeitsbeziehungen eine fundierte wissenschaftliche Arbeit gegenüberzustellen. Er spannt dabei den Bogen von der Regulationstheorie hin zur empirischen Analyse der amerikanischen Automobilindustrie. Am Beispiel der großen Drei: Ford, General Motors (GM) und Chrysler entgegnet er der auch in akademischen Kreisen weit verbreiteten These, die amerikanischen Gewerkschaften seien zahnlose Dinosaurier. Der Autor setzt sich mit einem weiteren Vorurteil auseinander: dem von der Opferrolle der Gewerkschaften. Er beschreibt die Wurzeln der Arbeitsbeziehungen und des gewerkschaftlichen Selbstverständnisses in den USA, die bis in die Zeit des New Deal der Dreißigerjahre zurückgehen. Vor dieser Zeit hatten die amerikanischen Gewerkschaften nur geringe gesellschaftliche Relevanz, und in den zentralen Branchen wie etwa der Stahl- oder der Automobilindustrie gingen sowohl die Kapitalkonzentration als auch die Oligopolisierung der jeweiligen Märkte der gewerkschaftlichen Anerkennung voraus.
Die Weltwirtschaftskrise 1929 und ihre politischen Folgen bildeten den Ausgangspunkt für die Veränderung des Systems der industriellen Beziehungen. Mit Roosevelts "New Deal" und einem "Programm zur Wiederbelebung der nationalen Industrie" wurde zwar der Grundstein für ein gewerkschaftsfreundlicheres Umfeld gelegt, jedoch hätten sich die wirklichen Fortschritte nur über den Kampf von Arbeitern in ihren Betrieben selbst ergeben. Dass dies kein statischer Prozess war, zeigt der Wandel der betrieblichen Arbeitsbeziehungen. Spätestens Ende der 70er-Jahre hatten betriebliche Tarifverhandlungen den Lohnverzicht und nicht die Umverteilung auf der Tagesordnung. Das "concession bargaining", das dem Erhalt von Arbeitsplätzen dienen sollte, war eher politischer als betrieblicher Natur, obwohl die entscheidenden Impulse zur Veränderung des Systems der industriellen Beziehungen vom Management ausgingen. Köhnen zeigt, dass sich in den 90er-Jahren gewerkschaftliche Handlungsmuster erneut änderten. Er leistet hier einen Beitrag für die neuere Industrial-Relations-Forschung, die die Rolle des Managements und in den letzten zehn Jahren die des Human Resource Managements immer mehr betont. Die Arbeitgeberseite, vor allem Managementstrategien bei den industriellen Beziehungen, sind nach wie vor unzureichend konzeptionalisiert und theoretisch erklärt. Das Buch füllt einen Teil dieser Forschungslücke.
Inhaltsübersicht: 1. Die fordistischen Arbeitsbeziehungen in den USA und deren Widersprüche bis zu Beginn der 80er Jahre; 2. Das Gespenst der Wettbewerbsfähigkeit und die Erosion der industriellen Beziehungen; 3. Auf dem Weg zur "Kampfgemeinschaft": neue Formen von Kontrolle im Betrieb und Veränderungen der Rolle und des Selbstverständnisses von Gewerkschaften; 4. Positionen gegen Partnerschaft und Standortlogik; 5. Das neue Rationalisierungsleitbild der japanischen Transplants und Joint Ventures.
Bernhard Stelzl (BhS)
Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.64 | 2.22
Empfohlene Zitierweise: Bernhard Stelzl, Rezension zu: Heiner Köhnen: Industrielle Beziehungen und betriebliche Auseinandersetzungen in Nordamerika. Münster: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/12041-industrielle-beziehungen-und-betriebliche-auseinandersetzungen-in-nordamerika_14367, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 14367
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Politikwissenschaftler.
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