/ 05.06.2013
Seymour M. Hersh
Kennedy. Das Ende einer Legende. Aus dem Amerikanischen von Markus Schurr, Heike Schlatterer und Norbert Juraschitz
Hamburg: Hoffmann und Campe 1998; 511 S.; geb., 49,90 DM; ISBN 3-455-11257-9Mit seinem Buch über die dunklen Seiten der Kennedy-Dynastie hofft Hersh, dem Mythos entgegenzuwirken und der amerikanischen Nation zu ermöglichen, "einen Teil ihrer Geschichte wieder für sich beanspruchen zu können" (10). Tatsächlich bleibt von den politischen Fähigkeiten des charismatischen Hoffnungsträgers John F. Kennedy in Hershs Analyse nicht viel übrig: So wird anhand der Auswertung zahlreicher Interviews und bisher unveröffentlichter amerikanischer Regierungsakten behauptet, daß Kennedys Aufstieg zum 35. Präsidenten der Vereinigten Staaten erst durch massive Schmiergeld- und Bestechungszahlungen und die langjährigen Kontakte seiner Familie zum organisierten Verbrechen ermöglicht wurde. Hersh offenbart die politische Brisanz der zahlreichen Liebesaffären Kennedys, die die Spitze der amerikanischen Exekutive in der heißen Phase des Kalten Krieges mehrfach zum Opfer von Erpressungen werden ließ, und zeigt überzeugend, daß Kennedy nicht nur von dem Mordkomplott der CIA gegen den kubanischen Staatschef Fidel Castro wußte und dieses vorantrieb, sondern auch das Fiasko der Schweinebuchtinvasion im April 1961 aus innenpolitischem Kalkül bewußt in Kauf nahm.
Allerdings muß das Buch kritisch gelesen werden. Insbesondere Hershs Version des Vorgehens Kennedys während der Kuba-Krise 1961, in der er den Eindruck erweckt, Kennedy habe die Möglichkeit eines Atomkriegs nie wirklich in Betracht gezogen und lediglich auf die Wahrung seines starken Image in der Öffentlichkeit geachtet, kann als zweifelhaft angesehen werden. Unglaubwürdig ist auch die Schlußfolgerung, die Nominierung Lyndon B. Johnsons als Vizepräsident sei ein Ergebnis der erpresserischen Drohung Johnsons gewesen, sein Wissen über Kennedys Liebesaffären zu veröffentlichen.
Dennoch überzeugt Hershs These, daß mit dem Mythos des integren John F. Kennedy aufgeräumt werden muß. Gleichzeitig macht er deutlich, daß die zweifelhaften Methoden der Kennedys bei ihrem Kampf um den politischen Machterhalt auch ein Produkt der allgemeinen Gepflogenheiten der sozialen und politischen Führungszirkel des Landes waren. Insofern ermöglicht Hershs Buch seiner amerikanischen Leserschaft nicht nur eine heilsame Neubewertung der Präsidentschaft John F. Kennedys, sondern es kann zugleich dazu dienen, die damalige politische Kultur der Vereinigten Staaten insgesamt kritisch zu beleuchten.
Tamara Keating (TK)
Dr., Politikwissenschaftlerin.
Rubrizierung: 2.64 | 2.24 | 4.22
Empfohlene Zitierweise: Tamara Keating, Rezension zu: Seymour M. Hersh: Kennedy. Das Ende einer Legende. Hamburg: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6520-kennedy-das-ende-einer-legende_8838, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 8838
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Dr., Politikwissenschaftlerin.
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