/ 17.06.2013
Hans Magnus Enzensberger (Hrsg.)
Krieger ohne Waffen. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz
Frankfurt a. M.: Eichborn 2001 (Die Andere Bibliothek); 347 S.; geb., 27,61 €; ISBN 3-8218-4500-7Um das rote Kreuz, eines der bekanntesten Markenzeichen der Welt, rankt sich allgemein eine bemerkenswerte Unkenntnis. Die Zusammenstellung von dreizehn Beiträgen einschlägiger Autoren zu Wirkung und Geschichte des IKRK wird darum zur allgemeinen Lektüre empfohlen. Mit Auszügen aus den Solferino-Erinnerungen und biografischen Details zum Wirken Dunants werden zunächst die Ursprünge der Rot-Kreuz-Bewegung nachgezeichnet. Berichte ehemaliger IKRK-Delegierter geben anschließend einen guten Einblick in die Tätigkeitsbereiche des Komitees. Vor allem vermitteln sie einen nachhaltigen Eindruck der Dilemmata, denen sie und ihre Arbeit regelmäßig ausgesetzt sind. Favez' Thesen zum Wirken des IKRK in der Zeit des Nationalsozialismus sind bereits an anderer Stelle auf Widerspruch gestoßen und werden hier weitgehend unverändert vertreten. Die Diskussion um das Wissen des Komitees über die "Endlösung" kann kaum als abgeschlossen betrachtet werden, eine Weiterentwicklung der Thesen oder die Konfrontation mit Gegenmeinungen wäre vor diesem Hintergrund angemessen gewesen. Durchgehend wird deutlich, dass sich der Umgang mit den im Laufe der Komiteearbeit zusammengetragenen Informationen grundsätzlich nur vor dem Hintergrund des völkerrechtlichen Mandates verstehen lässt. Das sich hier regelmäßig ergebende Spannungsfeld hat auch innerhalb der Rot-Kreuz-Bewegung zu harten Auseinandersetzungen geführt. Da diese nur selten nach außen dringen, ist besonders der Beitrag Hitzigs zu erwähnen, welcher die aktuellen organisationspolitischen Entwicklungen aufzeigt und erklärt. So ist allgemein wenig über den bewegungsinternen Konflikt zwischen der Föderation (ehemals Liga) der nationalen Gesellschaften und dem Komitee bekannt. Hier überlagern sich "alte" Spannungen hinsichtlich der Führungsrolle mit dem externen Druck neuer humanitärer Akteure und Herausforderungen. Die Auswirkungen dieser Entwicklungen beim Namen zu nennen, macht den Sammelband lesenswert. Dies wird auch nicht dadurch eingeschränkt, dass inhaltliche Unstimmigkeiten in den Beiträgen Ignatieffs eigentlich durch das Lektorat hätten beseitigt werden müssen. So gilt die für den Zweiten Weltkrieg gültige Version der Genfer Konventionen seit 1929 (statt wie hier aufgeführt 1939).
Inhalt: Michael Ignatieff: Die Ehre des Kriegers - I (9-25); Henri Dunant: Eine Erinnerung an Solferino (27-52); Arnold Kübler: Henri Dunant, die Schlacht bei Solferino und die Anfänge des Roten Kreuzes (53-64); Marcel Junod: Kämpfer beiderseits der Front. Spanien 1936 bis 1938 (65-113); Jean-Claude Favez: Das Internationale Rote Kreuz und die Todeslager des Dritten Reiches (115-135); Andreas Döpfner: Louis Haefliger. Ein Fall von Menschlichkeit (137-159); Gundolf S. Freyermuth: Der Hilfs-Multi. Besuche beim Deutschen Roten Kreuz (161-189); Daniel Hitzig: Das Kreuz mit dem Kreuz. Das IKRK, die Föderation und die Nationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften (191-226); Jürg Bischoff: Bandar Anzali - Tripolis - Mogadischu. Erinnerungen eines Delegierten (227-246); Georg Brunold: Der Stoff, aus dem der Delegierte ist. Philosophieren mit Gottfried Stocker (247-269); Urs Boegli: Zuschauen verpflichtet. Verpflichtet Zuschauen? (271-279); Michael Ignatieff: Das Fernsehen und die humanitäre Hilfe (281-302); Michael Ignatieff: Die Ehre des Kriegers - II (303-343).
Thomas Henzschel (TH)
Dr., Auswärtiges Amt, Arbeitsstab Iran.
Rubrizierung: 4.3 | 4.45
Empfohlene Zitierweise: Thomas Henzschel, Rezension zu: Hans Magnus Enzensberger (Hrsg.): Krieger ohne Waffen. Frankfurt a. M.: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/15847-krieger-ohne-waffen_18089, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 18089
Rezension drucken
Dr., Auswärtiges Amt, Arbeitsstab Iran.
CC-BY-NC-SA