/ 21.06.2013
Matthias Hofmann
Lernen aus Katastrophen. Nach den Unfällen von Harrisburg, Seveso und Sandoz
Berlin: edition sigma 2008; 416 S.; 27,90 €; ISBN 978-3-89404-559-3Politikwiss. Diss. Berlin; Gutachter: P. Grottian, L. Mez. – Hofmann fragt, welchen Einfluss technische Katastrophen auf politische Lernprozesse im Bereich der Technikentwicklung und des Risikomanagements haben. Dafür wählt er exemplarisch drei Großunfälle aus: die Reaktorkernschmelze von Harrisburg 1979, den Dioxinunfall in Seveso 1976 und den Chemielagerbrand von Basel 1986. Akteurszentriert und aus institutionalistischer Perspektive zeichnet der Autor detailliert die Unglücksfälle nach, um anschließend die Prozesse gesellschaftlichen Lernens zu untersuchen. Dazu definiert Hofmann: „Lernen wird als Änderung von Deutungsmustern und tatsächlich stattfindenden Politikprozessen verstanden“ (24). Dabei ist ihm bewusst, dass nur Akteure lernen können, die Ergebnisse jedoch auch in Institutionen sichtbar werden. Ernüchtert stellt der Autor aber fest, dass Industriesysteme in ihrer heutigen Verfasstheit nur beschränkt aus Schaden klug werden. Er hält es somit für einen gangbaren Weg, die Technikentwicklung einer demokratischen Öffnung entgegenzuführen. Konkreter sieht Hofmann hier also die Notwendigkeit internationaler Technikbeiräte und der Beteiligung der Bürger bei Standortentscheidungen auf lokaler Ebene. Die Problematik eines erheblichen Widerstands aus der Industrie sieht der Autor durchaus, ebenso die unglückliche Position von Technikbeiräten, die immer nur „dagegen“ sein können, da sie nicht eine treibende Kraft von Entwicklungen sein können. „Radikaler“ (383) gibt er daher zu bedenken, die mögliche Folgenbewältigung von Großkatastrophen vermehrt den Betreibern von Hochrisikoanlagen aufzubürden. Abschließend konstatiert Hofmann: „Insgesamt wäre zu wünschen, dass die bestimmenden Akteure der Industriesysteme die Risikofreudigkeit, die sie immer wieder bei der Einführung neuer Technologien […] an den Tag legen, in Zukunft auch bei der Entwicklung institutioneller Designs zur bewussten Steuerung der Folgen aufbringen“ (384).
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.2 | 2.22 | 2.5 | 2.61 | 2.64
Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Matthias Hofmann: Lernen aus Katastrophen. Berlin: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29913-lernen-aus-katastrophen_35441, veröffentlicht am 20.01.2009.
Buch-Nr.: 35441
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Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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