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/ 05.06.2013
Karin Böhme-Dürr

Perspektivensuche. Das Ende des Kalten Krieges und der Wandel des Deutschlandbildes in der amerikanischen Presse (1976-1998)

Konstanz: UVK Medien 2000 (Forschungsfeld Kommunikation 8); 633 S.; brosch., 78,- DM; ISBN 3-89669-237-2
Kommunikationswiss. Habilitationschrift Leipzig. – Ausgehend von der These, dass sich mit dem politischen Wandel seit 1990 auch das Bild Deutschlands in der amerikanischen Presse gewandelt hat, setzt sich Böhme-Dürr mit den Entstehungsbedingungen, Einflussfaktoren und Wandlungen von Nationenimages auseinander. Im Zentrum steht dabei die mediale Vermittlung und Spiegelung solcher Wandlungen. Der empirische Teil untersucht inhaltsanalytisch Editorials und Nachrichtenberichte zu Deutschland auf der Titelseite von insgesamt 126 amerikanischen Zeitungen aus den Jahren 1976 bis 1998. Die Ergebnisse dieser beachtlichen Längsschnittanalyse werden in zahlreichen Tabellen und Grafiken aufgearbeitet. Die Inhaltsanalyse wird durch weitere Informationen zum Kontext der Artikel ergänzt. So beschäftigt sich Böhme-Dürr eingehend mit dem Verhältnis zwischen Kommentatoren, Auslandsredakteuren und Korrespondenten vor Ort. Der von ihr verfolgte "Perspektivenansatz" (23) versucht, auch die Entstehungs- und Arbeitsbedingungen der unterschiedlichen Typen von Journalisten mit in die Analyse der Texte einfließen zu lassen. Von besonderem Interesse ist in diesem Zusammenhang das Verhältnis zwischen offizieller amerikanischer Außenpolitik und der Auslandsberichterstattung. Gestützt auf ältere Forschungen konstatiert Böhme-Dürr für die Zeit des Ost-West-Konflikts zunächst eine relativ hohe Parallelität zwischen der offiziellen Regierungspolitik und der medialen Berichterstattung. Genau dieser Zusammenhang habe sich jedoch nach 1989 geändert. "Die Kernthese der vorliegenden Untersuchung besagt, daß die amerikanischen Auslandsjournalisten seit dem Ende des Kalten Krieges und durch das daraus resultierende Fehlen einer klaren Skizze aus Washington ein anderes Deutschland- und Deutschenbild zeichnen [müssen]." (18) Böhme-Dürr erkennt dabei drei mögliche Reaktionen der Journalisten auf diesen Orientierungsverlust: Erstens eine Verringerung der deutschlandpolitischen Berichterstattung, zweitens eine aktive Suche nach neuen Orientierungsmustern und drittens der vermehrte und intensivierte Rückgriff auf "Imageschichten aus dem amerikanischen Kollektivgedächtnis" (459) - und hier wiederum besonders auf die Zeit des Nationalsozialismus. In diesem Zusammenhang misst Böhme-Dürr eine auffällige Vermehrung von Texten, die statt gewohnter Spitzenpolitiker den deutschen "Durchschnittsbürger" zu Wort kommen lassen. Auch in der Art der abgedruckten Zitate erkennt sie eine aussagekräftige Tendenz: "Der überraschende und steile Anstieg der Langzitate in den Titelseitenartikeln nach der Wiedervereinigung enthüllt die Informationsnot der US-Korrespondenten und ihre intensive Suche nach neuen (Direkt)Perspektiven." (464) Im Anhang findet sich eine Aufstellung der über die Zusammenstellung der "Editorials on File" erschlossenen Texte sowie eine komplette Dokumentation des Codebuchs der Inhaltsanalyse.
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
Rubrizierung: 2.32.642.22 Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Karin Böhme-Dürr: Perspektivensuche. Konstanz: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7511-perspektivensuche_10004, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 10004 Rezension drucken
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