/ 03.06.2013
Ferdinand Karlhofer / Emmerich Tálos
Sozialpartnerschaft und EU. Integrationsdynamik und Handlungsrahmen der österreichischen Sozialpartnerschaft
Wien: Signum Verlag 1996 (Schriftenreihe des Zentrums für angewandte Politikforschung 9); 224 S.; 38,- DM; ISBN 3-85436-185-8Welche Auswirkungen sind von der Mitgliedschaft Österreichs in der Europäischen Union auf die Sozialpartnerschaft und den Einfluß der Verbände auf die nationale und europäische Politik Österreichs zu erwarten? In dem Band werden die Bedingungen der Sozialpartnerschaft und die Interessen der Verbände an einem Beitritt analysiert, das europäische Verbändesystem und seine Charakteristika eruiert und die Möglichkeiten der Fortführung der Sozialpartnerschaft untersucht.
Die Autoren kommen zu folgenden Ergebnissen: Die Sozialpartner lehnten einen Beitritt Österreichs als Vollmitglied in der Europäischen Union nicht ab, sondern erwiesen sich als zentrale mitentscheidende Akteure. Das offensive Eintreten der Dachverbände für den Beitritt Österreichs führte zu Zusagen der Regierung, die Sozialpartner umfassend in den Prozeß der innerstaatlichen Willensbildung und der Positionsfindung in europäischen Angelegenheiten einzubeziehen. Auf europäischer Ebene sind die österreichischen Verbände Mitglieder der EU-Dachverbände und errichteten eigene Vertretungen. Eine Interessenkonzertierung auf europäischer Ebene findet jedoch nicht statt.
Die Konsequenzen des Beitritts auf die Sozialpartnerschaft werden unterschiedlich eingeschätzt. Aus der Sicht der Verbänderepräsentanten und Repräsentantinnen besteht ein Konsens über den Wunsch der Fortführung der Sozialpartnerschaft. In Bereichen von vergemeinschafteter Politik wird eine Einschränkung des Gestaltungsspielraums erwartet, wohingegen in der nationalen Willensbildung die Dachverbände ihr Gewicht behalten werden. Aus Sicht der Autoren ist eine Schwächung der Verbände und eine schwierigere Konzertierung der Interessen wahrscheinlich. Obwohl die Mitgliedschaft in der EU neue Wege der Interessenvermittlung ermöglicht, werden die Verbände überwiegend auf die Position der Bundesregierung einwirken. Die politische Gestaltungskraft der Sozialpartnerschaft wird sich auf spezifische Bereiche beschränken und sich zum "Angebotskorporatismus" wenden. Einer Politik des kalkulierten Terrainverlusts infolge der europäischen Integration steht durchaus auch ein Terraingewinn gegenüber. Als Ergebnis des Prozesses ist nicht das Ende der Sozialpartnerschaft, sondern ihr Wandel zu erwarten: "Mit eingeschränkter Reichweite des Aktivitätsradius und des Stellenwerts der Interessenakkordierung für österreichische Politik zum einen, mit einem teilweisen Funktions- und Strukturwandel zum anderen" (180).
Martina Böhner (Bö)
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Rubrizierung: 3.7 | 2.4
Empfohlene Zitierweise: Martina Böhner, Rezension zu: Ferdinand Karlhofer / Emmerich Tálos: Sozialpartnerschaft und EU. Wien: 1996, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/2761-sozialpartnerschaft-und-eu_3635, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 3635
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