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/ 21.06.2013
Heiner Lohmann

Strukturen mythischen Denkens im Grünen Buch Mu'ammar al-Qaddāfīs. Eine kommunikationstheoretische Untersuchung zur Rationalität eines soziozentrischen Weltbildes im Islam mit einer Neuübersetzung des Grünen Buches im Anhang

Münster: Lit 2009 (Politische Soziologie 21); 468 S.; brosch., 44,90 €; ISBN 978-3-8258-1680-3
Der Autor untersucht das Grüne Buch des libyschen Revolutionsführers Muammar al-Gaddafi. Entgegen herkömmlichen populären und wissenschaftlichen Lesarten, die meinen, diesen Text hermeneutisch verstehen zu können, sieht Lohmann in dem Text einen Grenzfall, der nur anhand spezifischen Analysewerkzeugs begreifbar wird. Er liege auf einem derart niedrigen Differenzierungsniveau, dass die Welt in ihm als erweiterter Stammesverband dargestellt und somit in ihrer Fremdheit neutralisiert werde. Sven Papcke schreibt zustimmend in seiner Vorbemerkung: „Die Unfähigkeit zur Abstraktion von Kontexten […] kennzeichnet den arabischen Raum insgesamt“ (6). Entsprechend sei die westliche Interpretation des Grünen Buches einem „kindischen Missverständnis“ aufgesessen, das für den Westen einen „intellektuellen Soziozentrismus“ und einen „Komplex des illusionären Verstehens“ (7) bezeuge. Lohmann nähert sich diesem Rezeptionsproblem mit dem methodischen Rüstzeug der Habermas’schen Kommunikationstheorie, um aufzuzeigen, in welch hohem Maß der fragliche Text präreflexiver Selektionsleistungen und Widersinnigkeiten bedarf, um sich gegen die Abstraktionszumutungen der Moderne zu immunisieren. Ein Beispiel ist das Organisationsmodell der direkten Demokratie al-Gaddafis. In der Sekundärliteratur habe man sich, so Lohmann, bisher mit der funktionalistischen oder empirischen Analyse des Volksmachtmodells beschäftigt. Doch Fragen, wie beispielsweise Entscheidungen in den Volkskongressen unter Umgehung des von al-Gaddafi abgelehnten Mehrheitsprinzips zustande kommen, bleiben unbeantwortet. In seiner Analyse kommt der Autor zu der Schlussfolgerung, dass das „politische Organisationsgebilde der direkten Demokratie in sich zusammen stürzt und mit der Sozialstruktur einer bestimmten Lebensform koinzidiert“ (322), der identitätsstiftenden Stammesgemeinschaft. Damit handelt es sich dem Autor zufolge um keinen politischen Text oder eine Handlungsanweisung, sondern um einen identitätsstiftenden beduinischen Mythos der Herrschaftsfreiheit und der Solidarität unter Verwandten.
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.672.235.41 Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Heiner Lohmann: Strukturen mythischen Denkens im Grünen Buch Mu'ammar al-Qaddāfīs. Münster: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/31163-strukturen-mythischen-denkens-im-gruenen-buch-muammar-al-qaddāfīs_37060, veröffentlicht am 21.10.2009. Buch-Nr.: 37060 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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