/ 22.06.2013
Michael Butter / Birte Christ / Patrick Keller (Hrsg.)
9/11. Kein Tag, der die Welt veränderte
Paderborn u. a.: Ferdinand Schöningh 2011; 169 S.; 16,90 €; ISBN 978-3-506-77097-4Schon das Titelbild des Bandes ist verstörend – da sitzt eine Gruppe junger Menschen in legerer Kleidung offenbar entspannt in der Sonne, während hinter ihnen, jenseits des Flusses, die Rauchschwaden von Ground Zero Teile Lower Manhattens einhüllen. Was man auf den ersten Blick für eine kaum mögliche Ignoranz halten mag, erweist sich beim zweiten Hinsehen als gelungene Visualisierung der Hauptthese dieses um Verständigung bemühten Bandes: „Am 11. September begann keine neue Epoche in der Weltgeschichte“ (8). In elf Einzelbeiträgen, die jeweils von einer konkreten bildlichen Ikone der Ereignisse um 9/11 ausgehen, zeigen die Autoren, dass die Terroranschläge von New York und Washington die Welt nicht völlig verändert haben, sondern vielmehr als Katalysatoren für eine Beschleunigung unterschwellig bereits vorhandener Entwicklungen gelesen werden können. Unabhängig davon, ob man derlei Thesen etwa in Fragen der Wirtschafts- und Finanzpolitik oder der globalen Sicherheitspolitik nun zustimmen mag oder nicht – allein die Perspektive der Analyse besticht. Denn die Autoren bemühen sich um eine kritische Selbstreflexion der „westlichen“ Politik, die mit Fukuyama kurz nach 9/11 noch unsicher fragte: „Who are we?" Die Autoren des Bandes liefern auf diese Frage mehr Antworten als Fukuyama selbst, indem sie nämlich zeigen, dass die Vereinigten Staaten sowie viele ihrer Verbündeten eine konstruktive politische Gestaltung der Welt nach 1989 in vielen Teilen verabsäumt haben. Ob das auch künftig, knappe zehn Jahre nach den Anschlägen, folgenlos bleiben wird, darf bezweifelt werden. Die Prognose Kellers jedenfalls, wonach der Sturz der Saddam-Statue in Bagdad am 9. April 2003 eine „dauerhafte Ära neuer amerikanischer Dominanz eingeläutet" (28) haben könnte, und zwar insbesondere dann, wenn sich der Irak und Afghanistan doch noch zu Vorzeigedemokratien entwickelten, war da wohl eher ironisch gemeint.
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.64 | 4.41 | 2.25 | 2.23
Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Michael Butter / Birte Christ / Patrick Keller (Hrsg.): 9/11. Kein Tag, der die Welt veränderte Paderborn u. a.: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/33613-911-kein-tag-der-die-welt-veraenderte_40243, veröffentlicht am 04.05.2011.
Buch-Nr.: 40243
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Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
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