/ 20.06.2013
Tschetschenien-Komitee
Tschetschenien. Die Hintergründe des blutigen Konflikts. Aus dem Französischen von Christine und Radouane Belakhdar
München: Diederichs 2004; 176 S.; geb., 18,95 €; ISBN 3-7205-2526-0Man könne von einem schleichenden Genozid in Tschetschenien sprechen, schreibt Sophie Shihab, Russland-Korrespondentin von Le Monde. Zusammen mit anderen Journalisten, Wissenschaftlern und Menschrechtlern schildert sie die Entstehung des Konflikts, den Verlauf und die Hintergründe der beiden Kriege sowie die derzeitige Situation. Die Annahme, die Tschetschenen kämpften von Beginn an für ihre Unabhängigkeit, ist „wohl zu einfach“ (29). Anfang der Neunzigerjahre sei offensichtlich gewesen, „dass die sezessionistischen Bestrebungen nur ein Instrument zur Neuverhandlung über die Teilung der Zuständigkeiten zwischen der Föderation und den Regionen“ (30) waren. Die Forderung nach Eigenstaatlichkeit sei kaum an konkrete Inhalte gebunden gewesen. Auch nach der Ausrufung der Unabhängigkeit 1991 sei Tschetschenien integraler Bestandteil des russischen Wirtschaftsraumes geblieben, habe sich aber der dortigen politischen Macht und dem Rechtssystem entzogen. Der Überfall tschetschenischer Terroristen auf eine zu Russland gehörende Nachbarregion lieferte dann den Anlass für einen erneuten Krieg. Mittlerweile liege dem Unabhängigkeitsgedanken die Absicht zugrunde, die Rohstoffvorkommen selbst zu nutzen. Mit diesen Vorkommen allein sei die russische Motivation, diesen Krieg zu führen, aber nicht zu erklären, meinen die Autoren. Die durch das Land führende Pipeline zum Kaspischen Meer spiele auch eine große Rolle. Es sei ein „Paradox dieses Krieges“ (74), so das Resümee, dass Russland zwar das tschetschenische Territorium kontrolliere, aber nicht eindeutig gesiegt habe - was einen Vorteil habe: Der Konflikt scheine „auch die Funktion einer nationalen Konsolidierung zu erfüllen“ (113). Die Autoren beschreiben ferner einen Alltag, der von Plünderungen, illegalem Erdölhandel und Geiselnahmen durch russische Soldaten geprägt ist. Leider thematisieren sie in dieser ansonsten sehr informativen Analyse nicht die Gewalttaten tschetschenischer Terroristen. Die Geiselnahme im Moskauer Musical-Theater „Nordost“ nur unter dem Gesichtspunkt der russischen Presse(selbst-)zensur zu betrachten, ist zu wenig.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 4.41 | 2.62 | 2.23
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Tschetschenien-Komitee: Tschetschenien. München: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/22340-tschetschenien_25482, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 25482
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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