/ 17.06.2013
Ruth Mayer / Brigitte Weingart (Hrsg.)
Virus! Mutationen einer Metapher
Bielefeld: transcript 2004 (Cultural Studies 5); 316 S.; kart., 26,- €; ISBN 3-89942-193-0Das Virus verstanden als Konzept und Metapher, als ein „Vorstellungsmuster, für die verschiedensten Grenzverhandlungen, in denen die Unterscheidung zwischen ‚Eigenem' und ‚Fremden' auf dem Spiel steht" (9) - die Autoren, zu denen Wissenschaftstheoretiker, Kulturwissenschaftler, Journalisten, Künstler, Medizinhistoriker und Biologen gehören, lösen den Begriff von seiner medizinischen Herkunft und analysieren seine Entwicklung zu einem „Kollektivsymbol" (10) über Diskursgrenzen hinweg. Begutachtet werde aber nicht nur eine Metapher, so die Herausgeberinnen. „Die Konzeption des Bandes zielt vielmehr darauf ab, die Ebene der Diskursbeobachtung an die der spezialwissenschaftlichen Produktion von Fakten zurückzubinden" (11). Die Autoren setzen sich damit aber auch mit den „Mechanismen und Methoden der Wissensproduktion der Gegenwart" (12) auseinander - und kommen mitunter zu dem Ergebnis, das Metaphern „Wirklichkeitsbeobachtungen und Wissen nicht nur strukturieren, sondern letztlich formen" (16). Als Beispiel sei der Beitrag des Züricher Historikers Sarasin über „‚Anthrax' als Medienvirus" genannt. Er stellt mit Blick auf die im Herbst 2001 zirkulierenden Milzbrandbriefe einen Zusammenhang zwischen Mikrobiologie, dem Imaginären und der Politik her und wirft die Frage auf, was die Milzbrandbriefe und die weltweite Angst vor Infektionen „mit unserer Wahrnehmung des Fremden" (132) zu tun haben. Andere Autoren beziehen sich auf „echte" Viren wie HIV, beleuchten dabei aber über medizinische Aspekte hinaus vor allem die sozialen Bedingungen dieser Epidemie.
Aus dem Inhalt:
Ruth Mayer / Brigitte Weingart:
Viren zirkulieren. Eine Einleitung (7-41)
Cornelis Borck:
Vivarium des Wissens. Kleine Ontologie des Schnupfens (43-60)
Ton van Helvoort:
Viren, Wissenschaft und Geschichte (61-77)
Martin Dinges:
Bedrohliche Fremdkörper in der Medizingeschichte (79-95)
Brigitte Weingart:
Viren visualisieren: Bildgebung und Popularisierung (97-130)
Philipp Sarasin:
Fremdkörper/Infektionen: „Anthrax" als Medienvirus (131-147)
Hans-Joachim Neubauer:
Soziales Fieber. Metaphern und Modelle des Gerüchts (149-157)
Hilmar Schmudt:
Der Virus und das Virus. Vom programmierten Leben zum lebenden Programm (159-181)
Peter Knight:
ILOVEYOU. Viren, Paranoia und die vernetzte Welt (183-207)
Ruth Mayer:
„Bei Berührung Tod". Virenthriller, Bioterrorismus und die Logik des Globalen (208-229)
Erhard Geißler:
Viren als biologische Kampfmittel (231-246)
Sheldon Watts:
Die globale Geschichte der Pocken. Von den Anfängen der Kolonisierung bis heute (247-267)
Mark Schoofs:
Gold und HIV in Südafrika. Die sozialen Bedingungen einer Epidemie (269-284)
Gregg Bordowitz:
Die AIDS-Krise fängt immer noch an (285-292)
Isabelle Graw:
Wo Aneignung war, soll Zueignung werden. Ansteckung, Subversion und Enteignung in der Appropriation Art (293-312)
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.2 | 2.67 | 2.25 | 4.45 | 2.23
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Ruth Mayer / Brigitte Weingart (Hrsg.): Virus! Bielefeld: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/14659-virus_24271, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 24271
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
CC-BY-NC-SA