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/ 19.06.2013
Andrew Feinstein

Waffenhandel. Das globale Geschäft mit dem Tod

Hamburg: Hoffmann und Campe 2012; 847 S.; geb., 29,99 €; ISBN 978-3-455-50245-9
„Es gibt keine Anzeichen dafür, dass das weltweite Verlangen nach Waffen in absehbarer Zeit abklingen würde“ (711), schreibt Feinstein in seinem Schlusswort. Mitunter minutiös hat er nachgezeichnet, wie insbesondere seit den 1970er-Jahren Waffenproduzenten, Waffenhändler und die waffeninteressierte Kundschaft ihre Geschäfte einfädeln und abwickeln. Als ehemaliger ANC-Abgeordneter in der südafrikanischen Nationalversammlung ist Feinstein – man möchte sagen: naturgemäß – sehr am afrikanischen Schauplatz interessiert. Dennoch verliert er die großen Zusammenhänge nicht aus den Augen. Schließlich ist der Waffenhandel ein globales Geschäft und darüber hinaus keineswegs auf den Kauf und Verkauf von Waffen beschränkt: Große und größte Geschäfte sind inzwischen eher dem Bereich der Rüstungsgüter zuzuordnen. Feinstein zeigt das Ausmaß dieser „Shadow World“ – so der passende Originaltitel. Dieser Handel ist eines der lukrativsten Geschäfte, bei dem – wie kaum bei einem zweiten – schon während einer Abwicklung die Beteiligten Gewinne einstreichen, also ehe überhaupt das erste Flugzeug, das erste U-Boot oder auch die erste Kiste an Gewehrmunition beim Abnehmer eingetroffen ist. Feinsteins Ausführungen basieren auf intensiven „Open Source“-Recherchen und auf einer Art Informationsgewinnung, die schon an Informationsbeschaffung zu grenzen scheint; seine Informanten haben den angebotenen Quellenschutz vermutlich nicht nur aus Höflichkeit angenommen. Die Szenerie ist sicherlich nicht in allen Bereichen ausgeleuchtet, aber es wird deutlich, dass sich auf ihr nicht nur staatliche und halbstaatliche Firmen und Käufer tummeln. Ebenso bedeutsam sind die Vermittler, die aufgrund ihrer Netzwerkarbeit in der Lage sind, die „richtigen“ Leute miteinander in Verbindung zu bringen. Verdienen wollen schließlich alle, und daher sind krisenhafte Entwicklungen und Konflikte kein Hindernis, sondern Anreiz: Waffen werden grundsätzlich an alle Konfliktparteien geschickt – Rüstungskonzerne beachten kaum die Nationalität des Käufers und geben sich selbst international selbstbewusst; nationale Loyalitäten sind in Geschäfts- und Korruptionsfragen eher hinderlich, und erstaunlich genug finden sich in allen Ländern auch gewählte Vertreter, die es ebenso sehen. Wenn es dann zu einem nicht seltenen „Blowback“ kommt – das haben die USA beispielsweise in Afghanistan erfahren, wurden sie doch dort nach 2001 mit Waffen beschossen, die sie selbst großzügig in diesen Raum transferiert hatten – dann finden sich andere Konflikte, die den Rückschlag schnell vergessen lassen. Feinstein ist bei aller persönlichen Betroffenheit – er schied aus der Nationalversammlung wegen eines Waffengeschäftes aus – kein Ankläger. Sein Buch ist eine höchst engagierte, in die Tiefe gehende Darstellung eines Geschäfts, das in jedem Konflikt zwar eine Rolle spielt, sich häufig genug aber durchgreifender Kontrolle entzieht, im Verborgenen bleibt und durch Korruption im großen Stil begleitet wird.
Axel Gablik (AG)
Dr., Historiker.
Rubrizierung: 4.454.412.632.642.67 Empfohlene Zitierweise: Axel Gablik, Rezension zu: Andrew Feinstein: Waffenhandel. Hamburg: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/21674-waffenhandel_42242, veröffentlicht am 07.06.2012. Buch-Nr.: 42242 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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