/ 22.06.2013
Frank Reichherzer
"Alles ist Front!" Wehrwissenschaften in Deutschland und die Bellifizierung der Gesellschaft vom Ersten Weltkrieg bis in den Kalten Krieg
Paderborn u. a.: Ferdinand Schöningh 2012 (Krieg in der Geschichte [KRiG] 68); 515 S.; 44,90 €; ISBN 978-3-506-77183-4Diss. Tübingen; Begutachtung: A. Doering‑Manteuffel, G. Metzler, G. Schild. – Unter dem Stichwort „Wehrwissenschaften“ firmierten in den 1920er‑ und 1930er‑Jahren verschiedene Bemühungen, die akademische Lehre und Forschung in den einzelnen Disziplinen stärker auf die Bedürfnisse des Militärs und der modernen Kriegführung auszurichten und „Wehrgedanken“ und „Wehrwillen“ (115) innerhalb der Bevölkerung zu festigen. Eingebettet in die Arbeit des Sonderforschungsbereichs „Kriegserfahrungen. Krieg und Gesellschaft in der Neuzeit“ an der Universität Tübingen, stellt Frank Reichherzer seinen Untersuchungsgegenstand in den Rahmen der These von einer „Bellifizierung“ der Gesellschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In langen, manchmal abschweifenden Kapiteln werden das Entstehen eines „wehrwissenschaftlichen Denkens“ (35) und die Formierung des „wehrwissenschaftlichen Feldes“ (96) diskutiert, bevor sich Reichherzer nach fast 200 Seiten dem Kernstück, einer empirischen Analyse zweier wehrwissenschaftlicher Institutionen, widmet. Hier zeigt sich ein Grundwiderspruch: Zwar rekurriert das „wehrwissenschaftliche Feld“ auf eine gesellschaftliche Großdiskussion, die kaum noch Rahmen und Grenze kennt, hinter der nach 1933 fixierbaren „Manifestation der Wehrwissenschaften“ (190) stehen aber eher klein angelegte Institutsgründungen. Den längsten Teil von Reichherzers Untersuchung macht eine gelungene Darstellung des Berliner Instituts für Wehrpolitik aus, das maßgeblich durch den Offizier, Abenteurer und Wehrgeografen Oskar Ritter von Niedermayer geprägt wurde. Reichherzer hält fest: „Durch die Komplexität des entgrenzten Krieges war das Gedankengebäude der Wehrwissenschaften nicht passgenau in das Wissenschaftssystem zu integrieren […]. Letztendlich lag das Themenfeld Krieg quer zum Organisationsprinzip Fachdisziplin […]. Der Untersuchungsgegenstand Krieg bestimmte den Standort des Wissenschaftlers und gab das Erkenntnisinteresse und die Fragestellung für seine Arbeit vor.“ (275 f.)
Gideon Botsch (GB)
Dr., Dipl. Pol., wiss. Mitarbeiter, Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien Potsdam (http://www.mmz-potsdam.de).
Rubrizierung: 2.31 | 5.2 | 4.1
Empfohlene Zitierweise: Gideon Botsch, Rezension zu: Frank Reichherzer: "Alles ist Front!" Paderborn u. a.: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34174-alles-ist-front_40991, veröffentlicht am 21.02.2013.
Buch-Nr.: 40991
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Dr., Dipl. Pol., wiss. Mitarbeiter, Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien Potsdam (http://www.mmz-potsdam.de).
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