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/ 12.06.2013
Richard Münch

Das Regime des liberalen Kapitalismus. Inklusion und Exklusion im neuen Wohlfahrtsstaat

Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2009; 374 S.; 24,90 €; ISBN 978-3-593-38894-6
Die Systemtheorie Luhmann’scher Prägung behauptet bekanntlich eine hohe Autonomie der gesellschaftlichen Funktionssysteme; zumal das Wirtschaftssystem hält Luhmann ethisch von außen für nicht mehr steuerbar. Dieser Diagnose widerspricht der an der Universität Bamberg lehrende Soziologe Münch strikt: „Was uns von einer weitergehenden ethischen Steuerung der Wirtschaft abhält, [...] sind unsere ethischen Prinzipien, die dem Individualismus [...] zunehmenden Vorrang vor dem Kollektivismus geben“ (17). Von dieser These ausgehend entwirft Münch eine prägnante Analyse des mit der Globalisierung einhergehenden Siegeszugs des liberalen Kapitalismus. Es sind vor allem zwei Argumentationslinien, die der Autor zunächst am Wandel der Sozial- und der Wirtschaftsordnung, dann in der Gegenüberstellung der USA als typisch liberalem Gesellschaftsmodell und den konservativ oder sozialdemokratisch geprägten Wohlfahrtsstaaten Europas untersucht. Einerseits geht es Münch um die legitimatorischen Prozesse, in denen das neoklassische Paradigma weltweit Dominanz erringen konnte. Dieses Paradigma ermöglicht – unter anderem mit der Ersetzung von Hierarchien durch Märkte, von öffentlicher Verantwortung durch private Angebote – die „breit ausgreifende Umstellung der gesellschaftlichen Ordnung von Vertrauen auf Misstrauen“ (315). Andererseits zeigt Münch, in welcher Weise die Globalisierung von Wirtschaft und Recht und die damit einhergehende transnationale Erweiterung von Handlungsräumen zu einer Transformation von Solidarität führen. War es bisher eine an den Geltungsbereich nationaler Kollektive gebundene „mechanische“ (30) Solidarität (im Sinne Durkheims), die Umverteilungen und eine auf Statuserhalt ausgerichtete Sozialpolitik erlaubte, so bildet sich heute mehr und mehr eine von Netzwerken getragene transnationale Solidarität aus, die dem nationalen Wohlfahrtsstaat die Zustimmung entzieht. Aus beiden Prozessen entsteht ein neues Muster individualisierter, auf Bildung und Markterfolg beruhender Inklusion, der all jene ausschließt, die sich den gestiegenen Qualifikationsanforderungen nicht unterwerfen können oder wollen.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.22.222.644.435.42 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Richard Münch: Das Regime des liberalen Kapitalismus. Frankfurt a. M./New York: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/14433-das-regime-des-liberalen-kapitalismus_36430, veröffentlicht am 01.04.2010. Buch-Nr.: 36430 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA