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/ 20.06.2013
Gerhard Besier

Der Heilige Stuhl und Hitler-Deutschland. Die Faszination des Totalitären

München: Deutsche Verlags-Anstalt 2004; 415 S.; geb., 22,90 €; ISBN 3-421-05814-8
Auf der Grundlage von Dokumenten über die Vorkriegszeit, die der Vatikan vor einigen Jahren freigab, werfen die beiden Autoren erneut einen Blick auf ein viel diskutiertes Thema: Die Beziehungen des Vatikans zum Nationalsozialismus in der Zeit von 1932-1939. Besonders seit Rolf Hochhuths Drama „Der Stellvertreter“ galten sowohl Pius XI. als auch sein 1939 inthronisierter Nachfolger Pius XII. vielen als schuldig, weil sie zu den Verbrechen der Nazis und insbesondere zum Judenmord geschwiegen hätten. Es ist vielfach gezeigt worden, dass diese Anschuldigung in ihrer wuchtigen Schlichtheit nicht ganz der Wahrheit entspricht, aber andererseits auch keineswegs unfundiert ist. Besier und Piombo fördern vor diesem Hintergrund keine grundsätzlich neuen Erkenntnisse zu Tage. Sie zeigen allerdings detailliert, dass die Kirche in erster Linie den eigenen Machterhalt und ihren antibolschewistischen Kurs im Sinne hatte. Der absolute Wahrheitsanspruch der katholischen Kirche, ja ihr „religiöse[r] Totalitätsanspruch“ (313) führte zu einer tiefen Skepsis des Heiligen Stuhls gegenüber pluralen Gesellschaften. Pius XI. stand somit in einer antimodernistischen Traditionslinie, die eine Nähe zu autoritären Staatsformen wie dem Faschismus entstehen ließ. Besier und Piombo stellen jedoch fest, dass die politischen Entscheidungen des Vatikans stets von nüchternen Machterwägungen geleitetet worden seien. Theologische Reflexionen hätten dabei keine Rolle gespielt. „Dieser Befund verstärkt den Eindruck der Doppelgesichtigkeit der römisch-katholischen Kirche: Glaube und Macht, in einer Institution gebündelt, fallen im praktischen Handlungsvollzug auseinander.“ (317) Die Darstellung richtet sich über weite Strecken am Wirken Eugenio Pacellis, des späteren Pius XII., als Diplomat des Vatikans in Deutschland aus. Sie endet mit seiner Wahl zum Papst. Die Diskussion über sein Schweigen zum Holocaust ist deshalb nicht Gegenstand der Betrachtungen. Politikwissenschaftliche Bezüge finden sich in dem Buch nicht. Es ist in erster Linie für Historiker interessant.
Walter Rösch (WR)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 4.222.612.312 Empfohlene Zitierweise: Walter Rösch, Rezension zu: Gerhard Besier: Der Heilige Stuhl und Hitler-Deutschland. München: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/22349-der-heilige-stuhl-und-hitler-deutschland_25491, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 25491 Rezension drucken
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