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/ 21.06.2013
Klaus Gietinger

Der Konterrevolutionär. Waldemar Pabst – eine deutsche Karriere

Hamburg: Edition Nautilus 2008; 539 S.; 39,90 €; ISBN 978-3-89401-592-3
„Immer wenn Herr Pabst irgendwo auftaucht, dann gibt es neue Unruhen, neuen Wirbel und neue politische Intrigen” (304), schrieb der Wiener „Telegraf” am 4. Januar 1933 in seiner Nachtausgabe. Es scheint, als wäre Waldemar Pabst zu jener Zeit keine Fußnote der Geschichte gewesen, und doch wird er in vielen historischen Darstellungen als eben solche behandelt. Gietinger legt mit der Fortführung und Beendigung des von der verstorbenen Historikerin Doris Kachulle begonnenen Projekts nun überzeugend dar, dass sich „der Konterrevolutionär” als Schlüsselfigur der deutschen Geschichte erweist. Pabst, Hauptmann der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, war demnach nicht nur maßgeblich verantwortlich für die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts im Jahr 1919, sondern ihm lässt sich auch eine Beteiligung am Kapp-Lüttwitz-Putsch nachweisen, dessen Scheitern ihn schließlich zur Flucht ins Ausland nötigte. Verwickelt in die Morde an Matthias Erzberger und Walther Rathenau sollte der überzeugte Ständestaatler Pabst, der sich eine durch und durch militarisierte Gesellschaft erträumte, auch als Agent und als Mitorganisator der Tiroler Heimwehr, die Gietinger als Teil der deutschen Abwehr identifiziert, tätig werden. Fasziniert vom Faschismus, wollte er einer Weißen Internationale „ein geistiges und ein praktisches Programm geben” (293), und in seiner Tätigkeit für die Firma Rheinmetall leistete er seinen Beitrag zur Wiederaufrüstung des Reiches. Die Verbindungen dieses Mannes, der auch nach Ende des Zweiten Weltkrieges wieder erfolgreich Geschäfte machen sollte, reichten bis in die höchsten Ebenen von Politik und Wirtschaft. Dass Pabst für seine Vergehen und seine Verstrickungen in Verbrechen niemals von einem Gericht zur Verantwortung gezogen wurde, scheint für den Autor jedoch Anlass zu sein, selbst Anklage gegen diesen führenden Hintermann der deutschen Konterrevolution zu erheben. Gietingers Schreibstil ist nicht frei von Werturteilen, die auf diesem sonst glänzend recherchierten Stück einen hässlichen Fleck hinterlassen.
Michael Vollmer (MV)
M. A., Politikwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, TU Chemnitz.
Rubrizierung: 2.312.3112.3122.313 Empfohlene Zitierweise: Michael Vollmer, Rezension zu: Klaus Gietinger: Der Konterrevolutionär. Hamburg: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/30374-der-konterrevolutionaer_36054, veröffentlicht am 17.03.2009. Buch-Nr.: 36054 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA