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/ 21.06.2013
Jörn Reinhardt

Der Überschuss der Gerechtigkeit. Perspektiven der Kritik unter Bedingungen modernen Rechts

Weilerswist: Velbrück Wissenschaft 2009; 270 S.; 29,90 €; ISBN 978-3-938808-63-4
Phil. Diss. FU Berlin; Gutachter A. Wellmer, C. Menke. – Mit dieser Studie versucht der Autor, den Begriff der Gerechtigkeit in der Moderne philosophisch neu zu bestimmen. Angesichts der Lage der Politischen Theorie dürfte dieses Vorhaben auf vielfältiges Interesse stoßen, nicht zuletzt deshalb, weil Reinhardt den Begriff der Gerechtigkeit maßgeblich in den Kontext von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten stellt – auch wenn zu fragen wäre, ob sich Gerechtigkeit in diesem eher juridischen Verständnis erschöpfend darstellen ließe. Reinhardt möchte sich von einer schlanken, bloß prozeduralistischen Gerechtigkeitstheorie – wie spätestens seit Rawls immer wieder reformuliert wird – lösen und nach allgemeingültigen Elementen des Begriffs fragen. Die politische Theorie Rousseaus und die Rechtsphilosophie Kants zeigen dem Autor, dass Gerechtigkeit als regulative Idee ein Ideal darstellt, welches einen normativen Überschuss produziert, dessen soziale Verwirklichung zwar einerseits angesichts der funktionalen Differenzierung moderner Gesellschaften unerreichbar bleiben muss, andererseits einen zentralen Strukturbegriff im Diskurs über Recht und Demokratie behält. Dieser unaufhebbare Widerspruch wird in der neueren Debatte entweder wie bei Rawls und Habermas aus einer reformistischen oder wie bei Benjamin, Schmitt und Agamben aus einer messianisch-utopischen Perspektive interpretiert. Im Anschluss an Derrida erklärt Reinhardt diese Aporie zum Strukturprinzip des juridisch-politischen Feldes, in dem auf Universalismen zurückgegriffen wird, ohne dass deren normativer Überschuss bewältigt werden kann. Was bei Autoren wie Hobbes, Kelsen oder Luhmann als Ausdruck von Kontingenz oder gar Illusion verabschiedet werden muss, wird konsequenterweise zum kritischen Ferment der Wirklichkeit erhoben.
Frank Schale (FS)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 5.42 Empfohlene Zitierweise: Frank Schale, Rezension zu: Jörn Reinhardt: Der Überschuss der Gerechtigkeit. Weilerswist: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/30441-der-ueberschuss-der-gerechtigkeit_36143, veröffentlicht am 26.08.2009. Buch-Nr.: 36143 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA