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/ 04.06.2013
André Hülsbömer

Die Zwangsläufigkeit der Freiheit. Über Präferenzwandel als Unruhestifter in sozialen Systemen

Marburg: Metropolis-Verlag 1998; 290, XVI S.; 49,80 DM; ISBN 3-89518-180-3
Diss. Frankfurt a. M.; Erstgutachter: W. Glatzer. - Welchen Motor haben Transformationsprozesse, z. B. die, die aktuell in Osteuropa beobachtet werden? Gibt es eine Zwangsläufigkeit der Geschichte, wie dies marxistische, aber auch liberalistische Theoretiker (Fukuyama) behaupten? Der Autor analysiert kollektivistische (Marxismus) und individualistische (Liberalismus) Sozialmorphologien und stellt diesen "geschlossenen" solche, im Popperschen Sinne, offene Gesellschaftssysteme entgegen, die weder eine Zwangsläufigkeit der historischen Entwicklung noch ein Ende der Geschichte behaupten. Die Präferenzen der Menschen in sozialen Systemen sind nicht statisch, sondern unterliegen aufgrund eines "doppelten Relativismus", des fehlenden Maßstabs der Wahrnehmung, der sich durch Anpassung an die Umwelt zudem noch fortwährend verändert, einem ständigen Wandel. Dieser Präferenzwandel, der mit der Akkommodation und der entsprechenden Wahrnehmungsanpassung von neuronalen biologischen Systemen vergleichbar ist, führt, so die These von Hülsböhmer, zu einem zwangsläufigen Wechsel dessen, was von einer Gesellschaft in bezug auf Freiheit nachgefragt wird. Dem vom ökonomischen Ansatz vertretenen Menschenbild des homo oeconomicus wird der homo biographicus entgegengestellt, dessen grundlegende Idee an die narrative Konstruktion der Person (MacIntyre) erinnert. Der "homo biographicus ist kein Nutzenmaximierer, sondern ein 'Reizverlustkompensierer'" (241). Die interdisziplinär angelegte Arbeit fügt zahlreiche Theoriestücke aus so unterschiedlichen Gebieten wie Soziologie, Ökonomie, Philosophie, Psychologie, Neurowissenschaft u.a. zusammen, wobei man eine deutliche Sympathie für konstruktivistische und systemtheoretische Ideen feststellen kann. Trotz des Wilderns in "fachfremden" Gebieten entsteht nicht der Eindruck, die ursprünglichen theoretischen Ansätze würden im Sinne der Grundthese vergewaltigt. Eine übersichtliche Gliederung und zahlreiche Zusammenfassungen der Thesen und der korrespondierenden Ergebnisse machen die Arbeit, trotz ihres sperrigen Themas, überraschend gut handhabbar.
Carsten Ungewitter (CU)
Rubrizierung: 5.425.45 Empfohlene Zitierweise: Carsten Ungewitter, Rezension zu: André Hülsbömer: Die Zwangsläufigkeit der Freiheit. Marburg: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/5955-die-zwangslaeufigkeit-der-freiheit_8018, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 8018 Rezension drucken
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