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/ 20.06.2013
Dieter Conrad

Gandhi und der Begriff des Politischen. Staat, Religion und Gewalt. Mit einer Einführung von Jan Assmann. Hrsg. von Barbara Conrad-Lütt

München: Wilhelm Fink Verlag 2006; 309 S.; kart., 39,90 €; ISBN 978-3-7705-4312-0
Der 2001 verstorbene Heidelberger Rechtswissenschaftler und Südasienspezialist nimmt in diesem posthum veröffentlichen, von ihm nicht abgeschlossenen Buch Gandhi, dessen Lehre und politische Praxis zum Ausgangspunkt der Erörterung staatsrechtlicher Grundbegriffe. Gandhi werde damit erstmals als politischer Theoretiker höchsten Ranges entdeckt, schreibt Assmann einleitend. Conrad musste dessen theoretische Grundsätze aus fast unzähligen Reden, Briefen, Memoranden, Gesprächsnotizen und Aufsätzen zusammentragen, die meist aus einem praktischen Anlass verfasst worden waren. Gandhi habe aber „ständig generalisiert, sich sentenziös ausgedrückt und dabei einige gleich bleibende Grundideen variiert“ (26), schreibt Conrad. Entstanden seien so Reflexionen über die Grundstrukturen des neuzeitlichen Staates – allgemeingültig, ohne zwischen verschiedenen Kulturkreisen zu unterscheiden. Im Zentrum dieser Theorie steht die Untrennbarkeit des Politischen und des Religiösen, obgleich Gandhi auf der Trennung von Staat und Religion bestand. Der Staat sollte unabhängig sein und die Religionen friedlich koexistieren lassen. „Wo er jedoch die Untrennbarkeit von Religion und Politik unterstreicht“, schreibt Assmann, „hat er die allgemeine Religion der Wahrheit im Blick“ (18). Die ewigen Wahrheiten aber könnten niemals schwarz auf weiß besessen werden, sondern immer nur in einem lebendigen Gespräch angestrebt werden. Legitimiert werden alle politischen Handlungen durch das Hauptgesetz: die Gewaltlosigkeit. Diese ist nicht das Mittel zum Zweck, sondern selbst das Ziel. Gandhis Theorie steht damit anderen Konzeptionen entgegen, die sich das Funktionieren einer Gesellschaft nur im Rahmen einer staatlichen Gewalt vorstellen können. Das Phänomen Gandhi zwinge zum Umdenken und zur Suche nach anderen, allgemeineren Grundlagen des Politischen, schreibt Assmann. „Conrad identifiziert sie im Prinzip der Repräsentation, der Verantwortung und des Eintretens für andere.“ (20)
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 5.465.445.41 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Dieter Conrad: Gandhi und der Begriff des Politischen. München: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/25646-gandhi-und-der-begriff-des-politischen_29755, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 29755 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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