/ 20.06.2013
Kurt Sontheimer
Hannah Arendt. Der Weg einer großen Denkerin
München/Zürich: Piper 2005; 293 S.; Ln., 19,90 €; ISBN 3-492-04382-8Arendt hat während ihres Lebens mit ihren Thesen mehrfach veritable Forschungskontroversen entfesselt, die ihr – auch wegen der jeweils sehr sensiblen Thematik – neben Berühmtheit und Zustimmung auch viele Anfeindungen eingetragen haben. Ihre Formulierung von der „Banalität des Bösen“ im Kontext des Jerusalemer Prozesses gegen Adolf Eichmann 1960 ist legendär, genauso wie die sich anschließenden Diffamierungen, sie sei arrogant und herzlos und würde unter jüdischem Selbsthass leiden. Bereits einige Jahre vorher hatte sie während des Kalten Krieges viel Aufmerksamkeit mit ihrem Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ erweckt, in dem sie Nationalsozialismus und Bolschewismus als verwandte Systeme deutete, deren gemeinsame Voraussetzungen der Niedergang der Nationalstaaten und der Aufstieg der modernen Massengesellschaften seien. Sontheimer hält diesen Text, die „erste anspruchsvolle Analyse der neuen Staatsform des Totalitarismus“ (72), immer noch für ein „geistiges Ereignis“. Für diesen wie auch für die anderen wichtigen Texte Arendts gelingt es dem im letzten Jahr verstorbenen Politikwissenschaftler in seinem letzten Buch, verständliche Einführungen und Anregungen für die Originallektüre zu formulieren und dabei auch den biografischen Kontext immer wieder in den Blick zu rücken. So waren für Arendt die engen Beziehungen zu ihrem Doktorvater Karl Jaspers auf der einen und zu Martin Heidegger auf der anderen Seite von großer Bedeutung für ihre persönliche und intellektuelle Weiterentwicklung. Der starke politische Bezug ihrer theoretischen Arbeiten hat, so Sontheimer, seinen Ursprung in der Erfahrung von „Gleichschaltung“ und Exil dieser Jahre. Und es waren sicher auch die langen Jahre als Vertriebene, die sie in ihren späteren politischen Analysen für das Thema der Flüchtlinge und Staatenlosen und die prekäre Lage von nationalen Minderheiten sensibel werden ließen, was in ihrem bekannten Plädoyer für ein „Recht, Rechte zu haben“ (263) gipfelt.
Kaspar Nürnberg (KN)
M. A., Historiker, Geschäftsführer des Vereins Aktives Museum, Berlin.
Rubrizierung: 5.46 | 1.3 | 2.3
Empfohlene Zitierweise: Kaspar Nürnberg, Rezension zu: Kurt Sontheimer: Hannah Arendt. München/Zürich: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/24792-hannah-arendt_28662, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 28662
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M. A., Historiker, Geschäftsführer des Vereins Aktives Museum, Berlin.
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