/ 12.06.2013
Lars Hewel
Hegemonie und Gleichgewicht in der europäischen Integration. Eine Untersuchung der Führungsproblematik im Rahmen der Fortentwicklung der Europäischen Union
Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2006; 442 S.; brosch., 69,- €; ISBN 978-3-8329-1896-5Hewel untersucht die Bedeutung von Hegemonie, Gefolgschaft und Gegenmachtbildung im Prozess der europäischen Integration von 1989 bis 2004. Dabei wird die EU selbst als ein „institutionalisierter Beziehungszusammenhang kollektiver Hegemonie“ (13) charakterisiert, in dem es hauptsächlich auf die Machtbalance und den Interessenausgleich zwischen den drei Führungsmächten England, Frankreich und Deutschland ankommt. Die Gefolgschaftsdimension zwischen den Führungsmächten und den kleineren Mitgliedstaaten wird ebenfalls aus neorealistischer Perspektive analysiert. Kenneth Waltz’ Annahmen der strukturellen Anarchie im internationalen System stehen im Zentrum der Analyse und werden auf das Binnensystem der EU übertragen. Damit werden Strategien der Machtbalance, der Gefolgschaft und der Bildung von Gegenkoalitionen als die Haupterklärungsfaktoren der europäischen Integration gesehen. Der Autor interpretiert die Entwicklung der Institutionen, der Entscheidungsverfahren und der Politikbereiche innerhalb der EU somit als Reaktionen auf veränderte relative Machtpositionen der Führungsmächte im internationalen System. Anhand der Vertragsverhandlungen von Maastricht, Amsterdam, Nizza und dem Verfassungsvertrag zeigt er, wie sich diese Machtverschiebungen in den Verhandlungspositionen der drei Führungsmächte auswirkten und sich in den Vertragsrevisionen niederschlugen. Die deutsche Wiedervereinigung sowie die Nord- und Osterweiterung der EU sieht Hewel als entscheidende Veränderungen der relativen Machtverteilung zwischen den Mitgliedstaaten. Ersterer wird eine Katalysatorfunktion zugeschrieben, da ein mächtigeres Deutschland durch vertiefte Integration stärker gebunden werden musste. Die Erweiterungen ließen jedoch weitere Integrationsbemühungen stagnieren und gefährdeten vor allem den Führungsanspruch des Kollektivhegemons. Beides wird als größte Gefahr für die EU eingestuft. Ihr könne nur durch eine weitreichende Flexibilisierung, die eine verstärkte Zusammenarbeit der drei Führungsmächte ermöglicht, begegnet werden.
Holger Moroff (HM)
M. A., M. E. S., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 3.1 | 3.2 | 4.1
Empfohlene Zitierweise: Holger Moroff, Rezension zu: Lars Hewel: Hegemonie und Gleichgewicht in der europäischen Integration. Baden-Baden: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/14349-hegemonie-und-gleichgewicht-in-der-europaeischen-integration_31301, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 31301
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M. A., M. E. S., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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