/ 05.06.2013
Valentin Zsifkovits
Demokratie braucht Werte
Münster: Lit 1998 (Zeitdiagnosen 2); 110 S.; brosch., 24,80 DM; ISBN 3-8258-3710-6Zsifkovits, Lehrstuhlinhaber und Vorstand des Instituts für Ethik und Sozialwissenschaften an der Karl-Franz-Universität Graz, legt in vier einzelnen Gedankengängen eine Skizze zum Problemfeld einer Wertbindung moderner Demokratien vor. In einer streckenweise kreativen Weiterentwicklung der Grundgedanken der katholischen Soziallehre argumentiert er zunächst für die Notwendigkeit eines Grundwertekonsenses im politischen System pluralistischer Gesellschaften (9-31). Im zweiten Beitrag, der 1998 auch in einem anderen Sammelband erschienen ist, führt er die normativen Grundlagen eines demokratischen Ethos innerhalb der Bevölkerung aus und hebt die Rolle intermediärer Institutionen wie Familie, Massenmedien und Religionsgemeinschaften für die Vermittlung und Abstützung eines solchen Ethos hervor (32-53). Im dritten Beitrag, der auf einem ähnlichen, 1985 verfaßten aufbaut, bestimmt er Demokratie als die "größtmögliche sinnvolle Beteiligung der Glieder eines Sozialgebildes an der Findung und Durchsetzung des Gemeinschaftswillens unter institutioneller Garantie" (54-74, hier 55-56). Der darin enthaltene ethische Anspruch an Demokratie wird dann entlang von sechs Wesensmerkmalen entfaltet: die Prinzipien Freiheit und Gleichheit, das Mehrheitsprinzip, das Prinzip eines effektiven Minderheitenschutzes, das Prinzip der Repräsentation, das Prinzip der Kontrolle und das des Vertrauens. Angesichts der anschließend aufgezählten Gefährdungen moderner Demokratien sieht Zsifkovits eine wesentliche gesellschaftliche Herausforderung darin, ein "Reservoir an Moral" unter den Bürgern zu schaffen, "aus dem die Politik schöpfen kann, denn diese verbraucht mehr Moral, als sie zu produzieren vermag" (64). Anders als in der gängigen, breit rezipierten Position Ernst-Wolfgang Böckenfördes, nach der Demokratien von Voraussetzungen leben, die sie selbst nicht schaffen können, schreibt Zsifkovits in seinem jüngsten Beitrag dem Staat selbst in der Frage der Wertvermittlung eine wenn auch begrenzte, so doch eigenständig wertsetzende und wertschaffende Rolle zu (23, Stichwort: Ethikunterricht). Im vierten Beitrag, der auf die Gewissensprobleme von aktiven Christen in der Politik eingeht, formuliert der Autor zehn Gebote zur positiven Auflösung der Spannung von Politik (75-98). Schließlich fordert der Autor im Kontext der zunehmenden Globalisierung nachdrücklich eine Rückbesinnung auf die gesellschaftlichen Pflichten des einzelnen (26-31), ein Gedanke, der eine unmittelbare Nähe zur laufenden Kommunitarismusdebatte verrät. Die bewußt knapp und verständlich gehaltene Schrift ist somit Teil eines breiteren Selbstverständigungsprozesses westlicher Demokratie und verweist auf die Denkangebote der christlichen Tradition zur (Mit-)Gestaltung einer humanen, demokratischen Ordnung.
Antonius Liedhegener (Li)
Dr., wiss. Ass., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.uni-jena.de/svw/powi/sys/liedhege.html).
Rubrizierung: 5.41 | 2.2 | 2.23
Empfohlene Zitierweise: Antonius Liedhegener, Rezension zu: Valentin Zsifkovits: Demokratie braucht Werte Münster: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7868-demokratie-braucht-werte_10440, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 10440
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Dr., wiss. Ass., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.uni-jena.de/svw/powi/sys/liedhege.html).
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