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Rezension / 22.01.2026

Sascha Ruppert-Karakas: Die Politik des Antagonismus. Zur Dynamik autoritärer Lebenswelt in Assads Syrien

Berlin, Duncker & Humblot 2024

Wie lässt sich die innere Logik des Systems Assad in Syrien charakterisieren? Unter Rückgriff auf Carl Schmitt argumentiert Sascha Ruppert-Karakas, dass Assad der Leviathan seines selbsterschaffenen Naturzustandes war. Im Zentrum seiner Dissertation steht dabei die Frage nach den Wahrheitskonstruktionen und Denkweisen. Eine „komplexe wie überzeugende Analyse“ eines Herrschaftsapparats, der sich durch „Manipulation, Anpassungsfähigkeit, Pragmatismus und erbarmungsloser Gewalt über ein halbes Jahrhundert“ an der Macht hielt, lobt unser Rezensent Benjamin Heidrich.

Eine Rezension von Benjamin Heidrich

Sascha Ruppert-Karakas legt mit „Die Politik des Antagonismus: Zur Dynamik autoritärer Lebenswelt in Assads Syrien“ eine Analyse der inneren Logik des von den Präsidenten Hafiz al-Assad (1971-2000) und dessen Sohn Baschar (2000-2024) geformten politischen Systems in Syrien vor. Forschungsleitende Perspektive bildet hierbei insbesondere Carl Schmitt, der herangezogen wird, um eine ideologiezentrierte und diskursanalytische Betrachtung jener Verknüpfung von Wissen, Praxis, Institution und Affekt zu vollziehen, die dieses System im Kern kennzeichnete. Im Zentrum der Monografie steht dabei die Frage nach den Wahrheitskonstruktionen und Denkweisen, welche die autoritäre Politik des Assad-Regimes über Jahrzehnte hinweg leiteten. Die Antwort darauf fällt überzeugend aus: Der immense Korpus an Quellen wird im Rahmen der Analyse zu einem schlüssigen Gesamtbild verdichtet. Ruppert-Karakas beschreibt eine äußerst ausdifferenzierte und anpassungsfähige Gewaltherrschaft, deren Persistenz insbesondere auch aus der Fähigkeit resultierte, populäre Freund-Feind-Verständnisse zu etablieren.

Angstmanipulation als herrschaftsstabilisierende Praxis

Die zentrale These des Buchs lautet, „dass Assad der Leviathan seines eigens erschaffenen Naturzustandes ist“ (31). Damit ist gemeint, dass die Persistenz des von Hafiz al-Assad in den 1970er-Jahren etablierten und Baschar bis zu dessen Sturz 2024 weitergeführten (sowie transformierten) Systems auch aus der Fähigkeit des Regimes resultierte, angeblich drohende Katastrophen heraufzubeschwören und sich als Schutzpatron gegen deren angebliche Ursachen – die inneren und äußeren „Feinde“ Syriens – zu inszenieren. Dies wird im Hauptteil der Monografie anhand von fünf Kapiteln nachgewiesen. Zunächst erfolgt dabei die Entwicklung einer theoretischen Perspektive im Anschluss an Carl Schmitt (Kapitel I), dessen vier zentrale Säulen die weitere Analyse anleiten und die thematischen Fokusse der vier folgenden Teilkapitel festlegen.

In einem ersten Schritt wird dabei der Zusammenhang zwischen Angst und Souveränität fokussiert (Kapitel II). Ruppert-Karakas argumentiert, dass das Assad-Regime von Beginn an verschwörungstheoretische Angsterzählungen produzierte, um die eigene Souveränität, einhergehend mit der Bildung autoritär-patrimonialer Institutionen und einem hierarchischen Wirtschaftspatronagesystem, zu legitimieren. In diesem Kontext inszenierten sich Hafiz und Baschar als Heilsbringer im Kampf gegen vermeintlich drohende Katastrophen und verwiesen hierbei kontinuierlich auf die traumatischen historischen Erfahrungen kolonialer Unterdrückung sowie die Instabilität des Staatswerdungsprozesses nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches.

Im Anschluss daran legt der Autor dar, inwiefern diese Form der Angstmanipulation mit einem soziokulturellen Gesellschaftsarrangement verwoben war, welches die Heterogenität der syrischen Bevölkerung im Lichte eines (für Assads Arabische Sozialistische Baath-Partei typischen) (pan-)arabisch-nationalistischen Homogenitätsgedankens zusammenhielt (Kapitel III). Hafiz und Baschar al-Assad setzten hierbei auf ein Set an Techniken, die ein ebenso flexibles wie strategisches Wechselspiel zwischen Integration und Polarisierung mit Blick auf die (vor allem religiösen) Subidentitäten des Landes zementierte. Zentrales Ziel war es hierbei, deren historisch gewachsene Spannungen aufrecht zu erhalten und sich auf dieser Basis als Ordnungsmacht zu legitimieren. Ergebnis war unter anderem eine duale Staatsstruktur, die aus einem inneren Exekutivstaat – kontrolliert durch Alawit*innen mit familiären bzw. loyalen Bindungen zur Assad-Dynastie – und einem äußeren Repräsentationsstaat bestand, in den die anderen Subidentitäten (insbesondere Sunnit*innen) strategisch eingebunden wurden.

Im nächsten Schritt erfolgt eine genealogische Analyse der Assad´schen „Feindbildstruktur“ und ihrer Bedeutung für das Regime (Kapitel IV). Durch die Beschwörung vermeintlicher äußerer (der ‚Westen‘, Israel, die USA) wie innerer Bedrohungen (insbesondere sunnitischer Islamismus und Dschihadismus, politische Opposition, Rebellen) sowie die Behauptung gemeinsamer Verschwörungen gegen Syrien beförderten die Assads ein antagonistisches Denken innerhalb der syrischen Gesellschaft, welches Ängste vor Fragmentierung, Bürgerkrieg, regionaler Destabilisierung, Imperialismus und Globalisierung schürte. Diese (häufig auch stark antisemitisch) geprägten Narrative halfen dem Regime, sein autoritäres und extrem gewaltsames Vorgehen gegen politische Devianz zu rechtfertigen.

Abschließend legt Ruppert-Karakas den Fokus auf die praktisch-institutionellen Effekte dieser antagonistischen Politik (Kapitel V). Im Zuge dessen legt er dar, inwiefern das Assad-Regime auf verschiedene Methoden zurückgriff, um die syrische Bevölkerung sowohl auf ideeller Ebene als auch durch Zwang zu disziplinieren (etwa durch eine stark ideologisierte Bildungspolitik, Überwachung, Inhaftierung und Folter). Damit einhergehend zeigt er auf, dass seit jeher auch die gezielte Tötung devianter Individuen zum autoritären Instrumentarium der Assads gehörte. Zu den Folgen dieser Politik zählt er dabei auch, dass Menschen dauerhaft zu Gewaltsubjekten erzogen werden. Im Falle Oppositioneller werde so etwa die Lust an der Rache zu einem zentralen Modus ihrer Subjektivität.

Eine moderne Diskursanalyse zwischen Wissen, Praxis und Affekt

Was die der Arbeit zugrunde liegende Methodik betrifft, so geht Ruppert-Karakas diskursanalytisch vor. Hierbei nimmt er sowohl die sprachliche als auch die praktisch-institutionelle Ebene der untersuchten Komplexe in den Blick – unter Verwendung von Primärquellen (Reden, Gesetzestexte etc.), Erfahrungsberichten und Sekundärliteratur. Obwohl er dabei dezidiert an die diskurstheoretische Perspektive Michel Foucaults anschließt, liest sich die Monografie wie eine moderne Diskursanalyse im Geiste der von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe begründeten Essex School of Discourse Analysis. Diese analysiert soziale Regime als antagonistisch verfasste Komplexe aus kollektiven Praktiken und Institutionen, die auf vermeintliche Wahrheiten über das Eigene und das Andere zurückgehen und dabei insbesondere auch durch Affekte – sowohl die von Emotionen durchzogene Identifikation mit dem System als auch die von Abneigung bis Aggressivität begleitete Haltung gegenüber dem Feind – zusammengehalten werden.[1] Das, was Ruppert-Karakaş vor diesem Hintergrund in den Blick nimmt, ist die „soziale Logik“ des Systems Assad – verstanden als „substantive grammar or rules of a practice or regime, which enable us to distil their purpose, form and content“.[2]

Und genau diese Logik arbeitet er überzeugend heraus, weil es ihm gelingt, das sich über den gesamten Analysezeitraum hinweg immer auch wandelnde Set aus autoritären Praktiken überzeugend in den Gesamtkontext der sich ebenso transformierenden Wahrheitskonstruktionen des Assad-Regimes (wie auch von deren historischen Möglichkeitsbedingungen) einzuordnen. Dessen manipulative und erbarmungslose Methoden erscheinen so durchweg als materielle Ausdrucksformen einer antagonistischen Denkweise, die das Eigene (das Regime selbst) stets auf Kosten des Anderen (der innersyrischen Devianz und externen Feinden) hervorzubringen versucht. Die von Ruppert-Karakas vertretene These, wonach das Andere notwendige Legitimationsgrundlage für das Regime ist, erinnert dabei an Ernesto Laclaus berühmte Überlegung, nach der Antagonismen für alle Kollektive konstitutiv sind, da sich ein Selbst(-verständnis) immer nur relational, in Abgrenzung nach außen, bilden kann.[3]

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, warum der Autor einer Monografie, die sich im Kern auf theoretischer und empirischer Ebene mit antagonistischen Grenzziehungen beschäftigt, von jedweder Bezugnahme auf die Arbeiten des bedeutendsten Antagonismus-Theoretikers der vergangenen Jahrzehnte absieht. Dass Ruppert-Karakas überdies weitere bedeutungsschwere Termini („leerer Signifikant“, „Hegemonie“) nutzt, für deren konzeptionelle Entwicklung Laclau der wohl entscheidendste Impulsgeber der jüngeren Vergangenheit gewesen ist, ohne auf diesen zurückzugreifen, unterstreicht zudem, dass das Theoriegebäude der Essex School eine gewinnbringende Referenz gewesen wäre. Ein entsprechender Rückgriff hätte der Arbeit weiteren argumentativen Rückenwind aus dem Blickfeld der Politischen Theorie gegeben.

Fazit

Ungeachtet dessen liefert der Autor eine ebenso komplexe wie überzeugende Analyse der inneren Logik des Systems Assad. Basierend auf einem enormen Rechercheaufwand und einer konsequent eingehaltenen theoretischen Perspektive, zeichnet er das Bild eines Herrschaftsapparats, welchem es durch Manipulation, Anpassungsfähigkeit, Pragmatismus und erbarmungsloser Gewalt über ein halbes Jahrhundert hinweg gelang, eine ebenso kontingente wie antagonistische Wahrheitskonstruktion zu institutionalisieren. Dass der Autor dabei insbesondere auch die enorme Brutalität des Regimes in dessen antagonistisches Weltbild einordnet, hat überdies eine wichtige politische Bedeutung: Durch die seit Beginn des Aufstands gegen die Regierung Baschar al-Assads im Jahr 2011 zu beobachtende mediale Inszenierung von Gewalt durch den sogenannten Islamischen Staat drohte das nicht minder menschenverachtende Vorgehen des Regimes stets in den Hintergrund zu rücken. Ob dies ein Grund dafür war, dass selbst ausgewiesene Regionalforscher*innen und Politiker*innen, teils unter Verwendung verschwörungstheoretischer und propagandistischer Narrative aus der Feder des Regimes bzw. von dessen internationalen Unterstützern, in öffentlichen Debatten zur Verharmlosung Baschar al-Assads beitrugen, lässt sich in diesem Rahmen gewiss nicht belegen. Fakt ist jedoch, dass die hier besprochene Monografie dazu beiträgt, dieser problematischen Schieflage auf Basis sehr guter Forschung produktiv zu begegnen. Vor diesem Hintergrund lohnt sich das Buch, welches durchweg in einem stark politikwissenschaftlichen Sprachstil verfasst ist, insbesondere für interessierte Wissenschaftler*innen und Studierende.


Anmerkungen:

[1] Vgl. Marttila, Tomas (2016): Post-Foundational Discourse Analysis. From Political Difference to Empirical Research, London: Palgrave Macmillan UK; Glynos, Jason; Howarth, David (2007): Logics of Critical Explanation in Social and Political Theory, New York, NY: Routledge (Routledge Innovations in Political Theory, v.10); Stavrakakis, Yannis (Hg.) (2007): The Lacanian Left. Psychoanalysis, Theory, Politics, Edinburgh: Edinburgh University Press; Laclau, Ernesto (2005): On Populist Reason, London: Verso.

[2] Glynos & Howarth (2007): S. 106.

[3] Vgl. Laclau, Ernesto (2022); Was haben leere Signifikanten mit Politik zu tun?, in: ders. (Hg.), Emanzipation und Differenz. 4. Auflage, Berlin: Turia + Kant (Turia Reprint), S. 65–78.



DOI: 10.36206/REZ26.2
CC-BY-NC-SA