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Rezension / 11.02.2026

Éric Pineault: Die soziale Ökologie des Kapitals

Berlin, Karl Dietz Verlag 2025

Mithilfe der Marx’schen Theorie und dem Begriff des gesellschaftlichen Stoffwechsels analysiert der Soziologe Éric Pineault die strukturellen Ursachen der ökologischen Krise. Indem er Theorie und Empirie sowie Sozial- und Naturwissenschaft fruchtbar verbindet, liefert er eine überzeugende Erklärung der ökologischen Destruktivität, „die kapitalistischen Ökonomien unabhängig von ihrer stofflichen und energetischen Grundlage innewohnt“, lobt Markus Wissen.

Eine Rezension von Markus Wissen

Dass eine Produktions- und Lebensweise, die wesentlich auf der Verbrennung von fossilen Energieträgern beruht, nicht nachhaltig ist, lässt sich angesichts der sich zuspitzenden Klimakrise nicht mehr ernsthaft bestreiten (was nicht bedeutet, dass es nicht bestritten wird – siehe den Aufwind, der rechte Klimaleugner bis in die höchsten Staatsämter trägt und sie dort eine Politik zugunsten des fossilen Kapitals verfolgen lässt). Dass aber auch der Versuch, die kapitalistische Produktions- und die mit ihr verbundene imperiale Lebensweise auf eine andere stoffliche und energetische Basis zu stellen, an ökologische Grenzen stößt, ist noch längst kein common sense in Politik und Wissenschaft.

Dabei zeigen Forschungen im Rahmen der Postwachstums- und Degrowth-Debatte eindrücklich, dass sich wirtschaftliches Wachstum auch unter grün-kapitalistischen Bedingungen nicht vom Ressourcenverbrauch entkoppeln lässt und dass seine Entkopplung von den CO2-Emisssion, sofern sie denn überhaupt geschieht, viel zu langsam verläuft, um das 1,5-Grad-Ziel der internationalen Klimapolitik zu erreichen.[1] In jüngerer Zeit hat die Internationale Energieagentur, die ansonsten jeglicher Kapitalismuskritik unverdächtig ist, die Ressourcen-Problematik unterstrichen. Ihr Global Critical Minerals Outlook zeigt, dass die Dekarbonisierung kapitalistischer Ökonomien mit einem Bedarf an Metallen wie Lithium und Kupfer einhergeht, der die derzeitigen weltweiten Produktionskapazitäten erheblich übersteigt.[2] Die „große Beschleunigung“ des Energie- und Materialverbrauchs, die den Erdsystemwissenschaften zufolge in der Mitte des 20. Jahrhunderts begann,[3] scheint auch in einem – ohnehin umkämpften – ökologisch modernisierten Kapitalismus kaum an Tempo zu verlieren.

Es ist das Verdienst des Buches Die soziale Ökologie des Kapitals, diesen Problemen theoretisch und empirisch auf den Grund zu gehen und eine sozial- ebenso wie naturwissenschaftlich fundierte Erklärung für die ökologische Destruktivität zu liefern, die kapitalistischen Ökonomien unabhängig von ihrer stofflichen und energetischen Grundlage innewohnt. Sein Autor, der an der Université du Québec à Montréal lehrende Soziologe Éric Pineault, verbindet zu diesem Zweck die Energie- und Materialflussanalyse, wie sie vor allem am Institut für Soziale Ökologie in Wien geleistet wird, mit einer Kapitalismuskritik in der Tradition von Marx.

Der gesellschaftliche Stoffwechsel

Sein zentraler Begriff ist der des gesellschaftlichen Stoffwechsels, der sich im Marxschen Werk selbst findet und später im Ökomarxismus ausgearbeitet wurde. Gesellschaftlicher Stoffwechsel bezeichnet erstens die Ströme von Materie und Energie, mit anderen Worten den „Durchsatz“ von der Quelle bis zur Senke, der sich in vier Stufen vollzieht: Extraktion, industrielle Umwandlung, Konsum, Entsorgung/Dissipation.[4] Zweitens beinhaltet der gesellschaftliche Stoffwechsel die Akkumulation von materiellen Beständen. Dabei gerinnen Elemente des Durchsatzes gleichsam zu Strukturen in Gestalt von menschlichen und tierischen Körpern sowie Artefakten (Maschinen, Gebäuden, Flugzeugen, Smartphones etc.). Drittens handelt es sich um die Kolonisierung von Ökosystemen, zum Beispiel in Gestalt der Urbanisierung oder der Industrialisierung von Landwirtschaft.

Die drei Dimensionen des gesellschaftlichen Stoffwechsels sind konstitutiv miteinander verwoben: Das Wachstum des Durchsatzes ermöglicht die Anhäufung von immer mehr Artefakten, die ihrerseits – etwa in Gestalt von Autobahnen, Flughäfen oder Datencentern – den Durchsatz beschleunigen und vergrößern. Und kolonisierte Ökosysteme sind ebenso das Resultat des Flusses von fossilen Energien, wie sie diesen auf Dauer stellen bzw. steigern, indem sie sich weiter ausdehnen.

Entscheidend für ein Verständnis der ökologischen Krise ist nun, dass sich die Organisation des gesellschaftlichen Stoffwechsels nicht allein aus seinen materiellen Erscheinungsformen heraus erklärt, sondern als eine Manifestation gesellschaftlicher Verhältnisse begriffen werden muss, die wiederum selbst durch Organisation des gesellschaftlichen Stoffwechsels beeinflusst/strukturiert werden. In kapitalistischen Gesellschaften ist es das Kapitalverhältnis, das den Stoffwechsel vermittelt. Folglich sind etwa Maschinen nicht einfach Artefakte, sondern „kapitalisierte Artefakte“ (26). Sie werden von Unternehmen kontrolliert, die ihrerseits dem konkurrenzvermittelten Imperativ der Kapitalverwertung unterworfen sind: Wie und in welcher Menge Maschinen hergestellt und wie lange sie gebraucht werden, hängt nicht allein an ihren materiellen Eigenschaften, an ihrer Lebensdauer oder an gesellschaftlichen Bedarfen, sondern wesentlich daran, ob und wie lange sich die mit ihnen hergestellten Waren profitabel verkaufen lassen. Ist letzteres nicht mehr der Fall, werden auch gebrauchsfähige Maschinen entwertet und entsorgt.

In monetärer Hinsicht handelt es sich beim Stoffwechsel kapitalistischer Gesellschaften um einen zirkulären Prozess, in dem das Kapital mehrere Metamorphosen durchläuft, um am Ende in seiner ursprünglichen Form als Geld zurückzukehren, dessen Menge sich vergrößert hat. Der Prozess kann dann auf erweiterter Stufenleiter von Neuem beginnen, mit mehr oder produktiveren Maschinen und einem höheren oder qualitativ verbesserten Output. Aus einer stofflichen Perspektive verläuft er allerdings nicht zirkulär, sondern linear und expansiv. Energie und Rohstoffe werden umgewandelt und irreversibel verändert. Die Zerstörung von Ökosystemen sowie die Produktion von Abfällen und Emissionen kumulieren in ökologischen Krisen. Eben darin liegt Pineault zufolge die sozial-ökologische Krisenhaftigkeit des Kapitalismus begründet: Die „Reversibilität der kapitalistischen Wertform steht in starkem Kontrast zur thermodynamischen Irreversibilität des zugrunde liegenden Prozesses eines materiellen Durchsatzes“ (37).

Pineault skizziert diese grundlegenden Zusammenhänge in der Einleitung seines Buches, die deshalb viel mehr ist als eine „Einleitung“. Dem Inhalt und auch dem Umfang nach ähnelt sie eher einem Theorie-Kapitel, in dem das begriffliche Grundgerüst entsteht, das in den folgenden, dicht und konzise geschriebenen Kapiteln weiterentwickelt und mit Inhalten gefüllt wird.

Von der Ökologie zur Geologie

Zentral sind dabei die Eigenschaften und Ausmaße des kapitalistischen Stoffwechsels, die Pineault auf dem Weg eines Vergleichs mit dem Stoffwechsel von Agrargesellschaften herausarbeitet. Letzterer basierte auf ökologischen Kreisläufen, nutzte folglich die in der (systematisch erzeugten) Biomasse gespeicherte Sonnenenergie und griff auf die Geologie vor allem insofern zurück, als er Mineralien für die Herstellung von Arbeitsgeräten benötigte. Der kapitalistische Stoffwechsel drehe dieses Verhältnis um: „Die metabolische Grundlage der Gesellschaft verlagert sich von der Ökologie zur Geologie“ (101), also auf die Nutzung von fossilen Brennstoffen sowie metallischen und nicht-metallischen Mineralien. In der Folge komme es „zu einer sich selbst verstärkenden Rückkopplung zwischen Extraktion und industrieller Produktion“ (124). Der globale Durchsatz an Energie und Material – das wird im vierten Kapitel mit sehr anschaulich aufbereiteten Zahlen untermauert – wächst zunächst linear und ungefähr seit den 1950er-Jahren exponentiell. Ein Teil des wachsenden Durchsatzes materialisiert sich in riesigen Beständen an Infrastrukturen und Maschinen, die die Wachstumsdynamik noch verstärken.

Um die im Kapitalverhältnis verankerten Mechanismen zu rekonstruieren, die diese Dynamik vermitteln, greift Pineault auf Marx sowie marxistische Konzepte wie die Theorie des Monopolkapitals von Paul A. Baran und Paul M. Sweezy und den Ansatz der „Tretmühle der Produktion“ von Allan Schnaiberg zurück. Demnach ist der Kapitalismus im 20. Jahrhundert in eine monopolistische Phase eingetreten, in der große Unternehmen die Rohstoffextraktion und die industrielle Produktion dominieren. Damit sich die Investitionen in die extraktiven und produktiven (Über-)Kapazitäten amortisieren, bedarf es eines ständigen Flusses von Materie und Energie, der sich mit jeder konkurrenzvermittelten Investition in produktivere Maschinen weiter vergrößert. Dies gilt auch dann, wenn die Rohstoffe für eine ökologische Modernisierung verwendet werden (etwa Lithium für die Elektro-Automobilität): Die Artefakte der Extraktion und Produktion sind in einem ökologisch modernisierten Kapitalismus ebenso kapitalisiert wie im fossilen Kapitalismus. Der Verwertungszwang, dem sie ausgesetzt sind, verunmöglicht die viel beschworene Entkopplung des Wirtschaftswachstums vom Ressourcenverbrauch.

Erschwerend kommt hinzu, dass mit dem Durchsatz die Gefahr der Überproduktion zunimmt, so dass eine ausreichende Nachfrage und damit die Realisierung des in den produzierten Waren vergegenständlichten Mehrwerts in Frage stehen. Dem begegnen die Konzerne mit allerlei Maßnahmen, die das Wachstum des stofflich-energetischen Durchsatzes noch beschleunigen, darunter die Verkürzung der Nutzungsdauer von Gütern durch geplante Obsoleszenz oder die Schaffung von Bedürfnissen nach unsinnigen Produkten wie Laubbläsern und SUVs. Die Kommodifizierung der sozialen Reproduktion, die Durchdringung des Alltags mit immer mehr Waren, für die mittels einer aufwändigen Marketing-Maschine überhaupt erst ein Bedürfnis geschaffen wird, ist folglich die Kehrseite einer Kapitalisierung der Artefakte. Gemeinsam halten beide – die Kapitalisierung und die Kommodifizierung – eine Tretmühle am Laufen, die den Durchsatz an Material und Energie in immer neue Höhen treibt.

Es ist die große Stärke von Pineaults Buch, diese Zusammenhänge empirisch und theoretisch zu durchdringen und in einer ebenso dichten wie klaren und zugänglichen Darstellung aufzubereiten. Was das Buch ausklammert, sind soziale Kämpfe und in staatlichen Institutionen geronnene Kompromisse. Diese sind insofern wichtig, als sich die kapitalistische Formbestimmung des gesellschaftlichen Stoffwechsels erst über sie Geltung verschafft. Zudem sind es die von emanzipatorischen sozialen Bewegungen geführten Auseinandersetzungen, durch die die zerstörerische Kraft des kapitalistischen Stoffwechsels verändert und überwunden werden kann. Sie nicht näher zu untersuchen, ist aber kein wirkliches Versäumnis, sondern einer gut begründeten Schwerpunktsetzung geschuldet. Wer sich dafür interessiert, wie der kapitalistische Stoffwechsel durch den Eigensinn von Arbeit und Natur und durch eine Vielzahl von Widersprüchen und Konflikten immer wieder herausgefordert wird, sei auf Simon Schaupp verwiesen, der zu dem vorliegenden Buch ein instruktives Vorwort geschrieben hat und dessen Buch Stoffwechselpolitik[5] die exzellente Untersuchung von Éric Pineault kongenial ergänzt.


Anmerkungen:

[1] Hickel, Jason W.; Kallis, Giorgos (2020): Is Green Growth Possible?, in: New Political Economy 25:4, S. 469–486.

[2] IEA (2025): Global Critical Minerals Outlook 2025, online unter: https://iea.blob.core.windows.net/assets/ef5e9b70-3374-4caa-ba9d-19c72253bfc4/GlobalCriticalMineralsOutlook2025.pdf.

[3] Steffen, Will et al. (2011): The Anthropocene. From Global Change to Planetary Stewardship, in: Ambio 40:7, S. 739–761.

[4] Dissipation bezeichnet einen Prozess, in dem Energie oder Rohstoffe irreversibel in eine andere, für menschliche Zwecke weniger oder gar nicht mehr brauchbare Form umgewandelt bzw. „zerstreut“ werden.

[5] Schaupp, Simon (2024): Stoffwechselpolitik. Arbeit, Natur und die Zukunft des Planeten, Berlin: Suhrkamp.



DOI: 10.36206/REZ26.5
CC-BY-NC-SA