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Rezension / 13.03.2026

Gabriel Zucman: Reichensteuer – aber richtig!

Suhrkamp, Berlin 2026

Die reichsten Menschen dieser Welt zahlen kaum Einkommensteuern. Um das zu ändern, schlägt der französische Ökonom Gabriel Zucman eine innovative Mindeststeuer auf Vermögen von Superreichen vor und führt seine Idee in die deutschsprachige Debatte ein. Thomas Rixen, Professor für Internationale und Vergleichende Politische Ökonomie an der FU Berlin, lobt das Buch, bezweifelt aber, ob der Vorschlag weit genug geht, um die „oligarchische Machtakkumulation“ zu stoppen.

Eine Rezension von Thomas Rixen

Wer zahlt eigentlich wie viel Steuern? Diese scheinbar einfache Frage ist, wie der Ökonom Gabriel Zucman in seinem neuen Büchlein eindrücklich zeigt, für die reichsten Haushalte moderner Gesellschaften bis heute unbeantwortet – nicht aus Unwissenheit, sondern weil die amtliche Statistik die Superreichen systematisch ausblendet. Seit Anfang der 2020er Jahre hat eine Welle internationaler Forschungsprojekte diese Lücke zu schließen begonnen. Das Bild, das sich dabei ergibt, ist in Frankreich, Norwegen, Brasilien, den Niederlanden und den USA jeweils dasselbe: Die Ultrareichen entrichten kaum Einkommensteuern – nicht, weil sie arm wären, sondern weil sie ihr Vermögen so strukturieren, dass es kein steuerpflichtiges Einkommen generiert. In Frankreich etwa beläuft sich die effektive Abgabenquote der rund hundert Milliardärshaushalte auf nur 13 Prozent des Nationaleinkommens – gegenüber 51 Prozent beim Durchschnittsfranzosen. Konkret: Wo ein normaler Aktionär 30 Prozent Pauschalsteuer zahlt, zahlt ein Luxusgütermagnat mit drei Milliarden Euro Dividende über seine Holdinggesellschaft 1,25 Prozent. Das Instrument der Wahl ist die Holdinggesellschaft, die Gewinne vor der persönlichen Einkommensteuer abschirmt – und die Dividenden innerhalb der EU dank der Mutter-Tochter-Richtlinie faktisch steuerfrei vereinnahmt.

Diese Schieflage hat drei Dimensionen. Erstens ist sie ein fundamentaler Verstoß gegen das Gleichheitsprinzip der Besteuerung, das seit der Französischen Revolution im Kern unserer Gesellschaftsverträge verankert ist: Die Reichsten zahlen proportional weniger als alle anderen Gruppen – das Steuersystem wirkt an seiner Spitze regressiv. Zweitens fehlt dem Staat dadurch erhebliches Geld: Eine 2-Prozent-Mindeststeuer auf Vermögen über 100 Millionen Euro würde in Deutschland nach Zucmans Schätzung jährlich rund 17 Milliarden Euro einbringen. Drittens und am folgenreichsten: Bei denjenigen, bei denen Vermögen ungebremst schneller wächst als bei allen anderen, wächst die Macht entsprechend mit. Das Vermögen der 500 reichsten französischen Familien hat sich von 1996 bis 2024 auf 1.228 Milliarden Euro verfünffacht – von 6 auf 42 Prozent des BIP. Wer dann wie Elon Musk Twitter für 44 Milliarden Dollar kaufen, es als politisches Instrument nutzen und sich innerhalb von Monaten ins Zentrum einer Regierung manövrieren kann, demonstriert, welche Machtkonzentration aus unkontrolliert akkumulierten Vermögen folgt.

Wie Superreiche mehr Steuern zahlen sollen

Wegen dieser Missstände – so Zucmans Schlussfolgerung – muss politisch gehandelt werden. Die bisherigen Versuche der Vermögensbesteuerung sind dafür kein taugliches Vorbild: Die deutsche Vermögensteuer, 1995 vom Bundesverfassungsgericht kassiert, und die französische Vermögensteuer (Impôt de solidarité sur la fortune – ISF) sind für Zucman intellektuelle wie politische Fehlschläge gewesen – mit zu vielen Schlupflöchern, zu schmaler Bemessungsgrundlage, zu niedrigen Schwellenwerten und kontraproduktiven Steuerobergrenzen, die zur Steuerflucht geradezu einluden. Sein Gegenmodell setzt anders an: eine individuelle Mindeststeuer von 2 Prozent des Vermögens für Haushalte ab 100 Millionen Euro – eine Untergrenze statt einer Obergrenze. Der Satz bezieht sich auf das Vermögen, das sich wesentlich schwerer künstlich herunterrechnen lässt als das Einkommen, das bei Milliardären buchstäblich verschwinden kann. Die Steuer wirkt als Ausgleichsabgabe: Sie greift nur, wo die bereits entrichteten Einkommensteuern unter 2 Prozent des Vermögens liegen und erfasst damit zielgenau genau jene, die sich bislang weitgehend entziehen. Dieser Vorschlag war 2024 Grundlage des G20-Berichts unter brasilianischer Präsidentschaft und wurde im Februar 2025 von der französischen Nationalversammlung angenommen – bevor ihn der Senat stoppte.

Das Büchlein verdient zunächst uneingeschränktes Lob dafür, ein lange tabuisiertes Thema in die politische Öffentlichkeit zu tragen. Zucman schreibt klar, ohne Fachjargon zu bemühen, und präsentiert komplexe Steuerstrukturen so anschaulich, dass sie auch einem breiten Publikum zugänglich werden. Besonders stark ist die Demontage gängiger Gegenargumente. Wenn Kritiker*innen einwenden, das Geld der Milliardäre gehöre ihnen gar nicht wirklich – es sei in ihren Holdinggesellschaften „gebunden" –, kontert Zucman präzise: Da Milliardäre nur einen winzigen Bruchteil ihres Einkommens konsumieren, ist diese vermeintliche Bindung keine echte Einschränkung. Über ihre Ersparnisse – ob zum Kapitalaufbau, zum Immobilienerwerb oder zum Kauf von Medienunternehmen – verfügen sie nach Gutdünken. Dem ebenfalls verbreiteten Argument, eine Besteuerung von Unternehmenseigentum schade der Wirtschaft, hält Zucman überzeugend entgegen, dass die Produktivität eines Unternehmens nicht davon abhängt, wer es besitzt – wie das Beispiel Sam Altmans zeigt, der OpenAI ohne eigene Unternehmensanteile zu einem der wertvollsten Konzerne der Welt aufgebaut hat.

Allerdings sind auch kritische Anmerkungen zu machen. Die erste betrifft die Umsetzbarkeit. Zucman verweist auf die Erfolge internationaler Steuerkooperation der letzten Jahre – den automatischen Informationsaustausch über Bankkonten und Finanzvermögen seit 2018 und die globale Mindeststeuer für Konzerne von 2024 – als Beleg dafür, dass internationale Koordination machbar ist. Diese Erfolge sind real und sollten nicht kleingeredet werden. Aber Zucman überschätzt ihren Umfang. Der automatische Informationsaustausch erfasst weiterhin nicht alle Vermögensklassen vollständig; Trusts, Briefkastenkonstruktionen und illiquide Unternehmensbeteiligungen entziehen sich oft dem Radar. Sein Vorschlag basiert zudem auf dem Staatsbürgerschaftsprinzip nach US-amerikanischem Vorbild – eine Person soll unabhängig von ihrem Wohnsitz besteuert werden. Das klingt schlüssig, übersieht aber, dass Staatsbürgerschaft heute ein flexibles Gut ist: Eine wachsende Zahl von Ländern vermarktet Pässe und Residenzstatus aktiv, und der Markt für Citizenship-by-Investment boomt.[1] Gegen diesen Wettbewerb um wohlhabende Steuerzahler*innen bräuchte es nicht nur bilaterale Vereinbarungen, sondern eine koordinierte multilaterale Reaktion. Im gegenwärtigen geopolitischen Klima – Trump, Putin, eskalierender Geoökonomismus, schwindende multilaterale Institutionen – ist es schwer, optimistisch zu sein, dass dieser Schritt in absehbarer Zeit gelingt. Was Zucman als rein technisches Problem darstellt, ist in Wirklichkeit ein strukturelles Problem internationaler Kooperation unter Bedingungen wachsender Großmachtrivalität.

Kein Ende oligarchischer Machtakkumulation

Die zweite, grundlegendere Kritik betrifft die inhärente Spannung zwischen Zucmans Diagnose und seinem Rezept. Der Autor beschreibt eindrücklich, wie unkontrollierte Vermögenskonzentration die Demokratie gefährdet – und begründet die Mindeststeuer dann auch damit, die Macht der Ultrareichen eindämmen zu wollen. Doch sein eigener Vorschlag ist dafür nicht ausgelegt. Zucman erläutert klar, dass der 2-Prozent-Satz darauf zielt, das Steuersystem nicht mehr regressiv zu machen: Die Ultrareichen sollen ungefähr so viel zahlen wie Durchschnittsbürger*innen – im Falle Frankreichs 50 bis 55 Prozent Gesamtabgabenquote. Das ist ein legitimes Ziel der Steuergerechtigkeit (wobei anzumerken ist, dass das eigentliche Ziel sein müsste, es wieder progressiv zu machen, also sicherzustellen, dass die Ultrareichen einen höheren Beitrag leisten als der Durchschnitt). Aber es ist kein Instrument gegen Vermögenskonzentration. Zucman gibt selbst an, dass die durchschnittliche Rendite von Vermögen über 100 Millionen Euro bei rund 6 Prozent liegt. Nach Abzug der 2-Prozent-Steuer verbleiben 4 Prozent Nettowachstum – jährlich, aufgezinst, über Jahrzehnte. Die Schere zwischen den größten Vermögen und dem Rest der Gesellschaft würde sich weiter öffnen, nur etwas langsamer. Die von Zucman auf Seite 34 rhetorisch aufgeworfene Frage – wann die Vermögenskonzentration der Ultrareichen unsere demokratischen Ideale „endgültig untergräbt", ob bei 50, 100 oder 200 Prozent des BIP – bleibt unbeantwortet, weil sein Vorschlag die zugrundeliegende Dynamik nicht bricht. Wer die Demokratie vor oligarchischer Machtakkumulation schützen will, bräuchte etwas, das dem näher kommt, was Thomas Piketty vorschlägt: progressive Vermögensteuersätze jenseits der 5 Prozent ab einem bestimmten Schwellenwert, sodass das Reinwachstum nach Steuer gegen null tendiert. Es ist durchaus nachvollziehbar, dass Zucman mit einem moderaten Vorschlag operiert, um politische Mehrheiten zu gewinnen – aber er kann für diesen moderaten Vorschlag nicht gleichzeitig das Argument der Demokratiestabilisierung in Anspruch nehmen. Das eine schließt das andere aus.

Jenseits der verfehlten Verteilungsarithmetik wird eine politökonomische Leerstelle in Zucmans Argument sichtbar. Er behauptet, die Steuer sei nötig, um Machtkonzentration zu begrenzen – ignoriert dabei aber, dass genau diese Machtkonzentration die Steuer verhindert. Die Abschaffung von Vermögensteuern in den letzten drei Dekaden – 1990 hatten zwölf europäische Länder eine Vermögensteuer, heute sind es nur noch drei – erklärt sich dadurch, dass die Nutznießer einer solchen Steuer politisch schwächer organisiert sind als die kleine Gruppe wohlhabender Steuerzahler*innen, die die Kosten tragen würden: Sie ist besser informiert, besser vernetzt, politisch aktiver und finanziell handlungsfähiger. Es ist wiederholt gezeigt worden, dass wohlhabende Eliten bei der Abschaffung von Vermögensteuern eine entscheidende Rolle spielten.[2] Zucmans Diagnose und sein Instrument stehen damit in einem Henne-Ei-Verhältnis: Wer die Macht hätte, die Steuer zu beschließen, bräuchte sie noch nicht – weil die Konzentration noch nicht eingetreten wäre. Und wer sie nötig hätte, hat nicht mehr die Macht, sie durchzusetzen.

Und doch wäre es vorschnell, dabei stehen zu bleiben. Eine rein materialistische Sicht auf Macht, die politische Durchsetzungsfähigkeit auf Ressourcen und Organisationsgrad reduziert, ist zu düster und letztlich selbstwiderlegend: Sie würde progressive Steuerreformen zu allen Zeiten für aussichtslos erklären, obwohl die Geschichte das Gegenteil belegt. Die Einkommensteuer war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ebenfalls ein Projekt gegen den erbitterten Widerstand großer Vermögen – und setzte sich trotzdem durch. Demokratische Gesellschaften können und müssen darauf beharren, dass das Kapital nicht zu mächtig wird, dass jede Stimme unabhängig von Besitz gleich viel zählt. Das ist keine naive Hoffnung, sondern der normative Kern des demokratischen Projekts selbst. Um dieser Einsicht zur Durchsetzung zu verhelfen, müssen wir auf die Kraft überzeugender Argumente und die normative Strahlkraft von Gleichheit und Gerechtigkeit im öffentlichen Diskurs setzen. Auf genau dieses Terrain zielt Zucmans Intervention – und darin liegt ihr eigentlicher Verdienst.

Aus politikwissenschaftlicher Perspektive bleibt zu ergänzen, dass der diskursive Kampf allein nicht ausreicht. Neben der Überzeugungskraft von Ideen stellt sich die institutionelle Frage: Wie müssen die Strukturen liberal-repräsentativer Demokratien reformiert werden, damit sie weniger anfällig für den Einfluss konzentrierten Kapitals werden? Diese Frage stellt Zucman nicht. Sie wäre aber die notwendige Ergänzung seines Steuervorschlags: Denn selbst die beste Reichensteuer löst das Demokratieproblem nur halb, wenn die Kanäle, über die Vermögen in politischen Einfluss übersetzt wird, unangetastet bleiben. Einschlägige Reformvorschläge liegen vor: strengere Obergrenzen für Parteispenden und Lobbyausgaben, eine stärkere Regulierung von Medienkonzentration, um zu verhindern, dass Vermögen in publizistische Meinungsmacht übersetzt wird; und – grundsätzlicher – die Stärkung deliberativer und partizipativer Institutionen jenseits des Wahlakts, wie Bürgerräte, die strukturell weniger anfällig für Lobbying sind.

Demokratie zu verteidigen heißt Ultrareiche zu besteuern

Drittens fällt auf, dass das Buch, entgegen der Verlagsankündigung, dass Zucman erkläre, „wie seine Steuer auch in Deutschland funktionieren kann“, den deutschen Fall nur im Vorwort streift. Das ist schade, denn Deutschland ist in mehrfacher Hinsicht ein interessanter Sonderfall: Das Bundesverfassungsgericht hat der Vermögensteuer in ihrer alten Form 1995 enge Grenzen gesetzt; die politische Gegenwehr gegen jede Form der Vermögensbesteuerung ist hier besonders vehement; und die Vermögensungleichheit ist im europäischen Vergleich außergewöhnlich hoch – nicht zuletzt, weil Immobilienbesitz deutlich weniger verbreitet ist als in anderen Ländern und das Geldvermögen besonders ungleich verteilt ist. Eine ausführlichere Auseinandersetzung mit den deutschen Besonderheiten – den spezifischen rechtlichen Rahmenbedingungen, den politischen Konstellationen und dem Datenproblem, das Zucman für Deutschland selbst erwähnt – hätte die Überzeugungskraft des Buchs für sein deutsches Publikum erheblich gestärkt.

Diese Kritikpunkte schmälern die Bedeutung des Büchleins nicht grundlegend. Zucmans Vorschläge gehen in die richtige Richtung und dem Buch ist zu wünschen, dass es breiten Einfluss auf die politische Debatte gewinnt. Der Einwand, eine Mindeststeuer für Ultrareiche sei politisch utopisch, verliert an Gewicht, wenn man bedenkt, dass dasselbe noch vor zehn Jahren über die globale Konzernmindeststeuer gesagt wurde. Umgekehrt dürfte der Handlungsdruck in den kommenden Jahren kaum abnehmen. Die Disruption durch Künstliche Intelligenz – nach manchen Prognosen könnten in wenigen Jahren erhebliche Teile kognitiver Arbeit automatisiert werden[3] – droht die ohnehin wachsende Ungleichheit weiter zu verschärfen. Wenn Produktivitätsgewinne aus KI noch stärker als bisher den Kapitaleigner*innen zufließen statt den Arbeitnehmer*innen, wird Umverteilung für die Stabilität demokratischer Gesellschaften noch wichtiger. In einer solchen Konstellation wird die Forderung nach einer Reichensteuer – und zwar einer deutlich progressiveren als der hier vorgeschlagenen – immer dringlicher.


Anmerkungen:

[1] Vgl. Ahrens, L., Hakelberg, L. und Rixen, T. (2022). "A victim of regulatory arbitrage? Automatic exchange of information and the use of golden visas and corporate shells." Regulation & Governance 16(3): 653-672.

[2] Perret, S. (2021). "Why were most wealth taxes abandoned and is this time different?" Fiscal Studies 42(3): 539-563.

[3] Vgl. etwa Acemoglu, Daron/Johnson, Simon (2023): Power and Progress, New York: Public Affairs.



DOI: 10.36206/REZ26.10
CC-BY-NC-SA