Florian Butollo über KI und die Zukunft der Arbeit: „Trotz Automatisierung entsteht mehr und nicht weniger Bedarf an menschlicher Arbeit“
Führt KI bald zu Massenarbeitslosigkeit? Im Gegenteil, argumentiert der Arbeitssoziologe Florian Butollo: Arbeitskraft wird in Zukunft zu einem noch knapperen Gut. Im Interview zu seinem neuen Buch erklärt er, warum trotz Automatisierung immer mehr Arbeit entsteht und Arbeitskräfteknappheit zur Quelle eines neuen sozialen Konflikts über den gesellschaftlich sinnvollen Einsatz von Arbeit wird.
Herr Butollo, der Ausgangspunkt Ihres Buchs "Das knappe Gut Arbeit" ist ein scheinbares Paradox. Obwohl in der Wirtschaft seit Jahrzehnten automatisiert und digitalisiert wird, liegt das Arbeitsvolumen in hochentwickelten Volkswirtschaften auf einem Höchststand. Wie erklären Sie sich das?
Die Automatisierung von Arbeit begleitet die kapitalistische Entwicklung seit ihren Anfängen. Trotzdem verzeichnete ein Land wie Deutschland 2024 einen historischen Höchststand an Beschäftigung. Die Erklärung dafür: Neben der rationalisierenden Tendenz des Kapitalismus, Mittel und Wege zu finden, um Arbeit effizienter zu bewerkstelligen, hat dieser stets auch eine expansive Tendenz. Diese sorgt dafür, dass sich Produktion und Konsum fortlaufend ausdifferenzieren. Unternehmen bringen immer vielfältigere und komplexere Produkte auf den Markt, die auf eine ebenfalls zunehmend ausdifferenzierte und individualisierte Nachfrage treffen. Dies sorgt dafür, dass trotz Automatisierung mehr und nicht weniger Bedarf an menschlicher Arbeit entsteht.
In der Debatte über die Zukunft der Arbeit richtet sich der Blick jedoch häufig einseitig auf die Automatisierung. Dabei wird vernachlässigt, dass der Kapitalismus eben fortlaufend neue Formen von Arbeit hervorbringt. So zeigt eine Studie, dass über die Hälfte aller Tätigkeiten auf dem heutigen US-Arbeitsmarkt in Berufsfeldern verrichtet wird, die 1940 noch nicht einmal existierten.[1] Wer hätte vor wenigen Jahren noch ahnen können, dass einmal händeringend nach Python-Programmierer*innen gesucht werden würde?
In der deutschen Industrie wurden 2025 mehr als 120.000 Arbeitsplätze gestrichen. Das exportorientierte deutsche Wachstumsmodell befindet sich angesichts geoökonomischer Spannungen und Strukturproblemen der Industrie in einer veritablen Krise. Politik, Arbeitgeber und Gewerkschaften warnen in seltener Einigkeit vor einer drohenden Deindustrialisierung. Sprechen diese Entwicklungen nicht gegen Ihre These?
Die These wird dadurch zumindest teilweise relativiert, denn die Krise des deutschen Wachstumsmodells ist real. Insbesondere die Industrie verzeichnet einen spürbaren Rückgang. Mit dem Begriff der Deindustrialisierung wäre ich trotzdem vorsichtig. Was wir sehen, ist kein Ende der Industrie in Deutschland, sondern eine substanzielle, aber in ihrer Reichweite begrenzte Schrumpfung. Im verarbeitenden Gewerbe sind nach wie vor etwa fünf bis sechs Millionen Menschen beschäftigt, da ist ein Rückgang von rund 120.000 Stellen innerhalb eines Jahres zwar erheblich, muss in seiner Größenordnung jedoch angemessen eingeordnet werden.
Für mein Argument entscheidend ist jedoch ein anderer Punkt: Trotz des Beschäftigungsabbaus in der Industrie ist die Gesamtbeschäftigung im Jahr 2024 weiter gestiegen und im Jahr 2025 annähernd stabil geblieben. Sie verharrt auf dem Rekordwert von 46 Millionen Beschäftigten, da der Rückgang in der Industrie durch Zuwächse im Gesundheits- und Sozialwesen kompensiert wird.[2] Obwohl Industrieunternehmen Menschen entlassen, besteht das Problem des Arbeitskräftemangels in sehr vielen Branchen paradoxerweise fort.
Ist der Arbeitskräftemangel also das eigentliche Problem, wenn wir über die Zukunft der Arbeit sprechen?
Ein Blick auf die Zahlen verdeutlicht, dass ein struktureller Mangel an Arbeitskräften – und nicht etwa die Massenarbeitslosigkeit – das eigentliche Strukturmerkmal der Arbeitsmärkte des 21. Jahrhunderts darstellt. Hauptgrund ist der demografische Wandel, dessen Ausmaß in den meisten Diskussionen über den Arbeitsmarkt noch immer verkannt wird. Die gegenwärtigen Klagen über den Fachkräftemangel sind nur Vorboten dessen, was uns in dieser Hinsicht noch erwartet. Zwar kommen Studien, die die Entwicklung des Erwerbspersonenpotenzials prognostizieren, zu sehr unterschiedlichen Szenarien, weil viele Faktoren kaum vorherzusagen sind. Es wird jedoch für möglich befunden, dass das Erwerbspersonenpotenzial bis 2035 um fast drei Millionen Personen und bis 2060 um rund 9 Millionen Personen zurückgeht.[3] Das genaue Ausmaß ist offen, aber in meinen Augen sollte es wenig Zweifel daran geben, dass Arbeitskraft in Zukunft ein noch knapperes Gut werden wird. Dies ist auch dann der Fall, wenn die Nachfrage nach Arbeit nicht wie bisher wächst, sondern moderat zurückgeht, etwa aufgrund einer schwachen ökonomischen Entwicklung oder Rationalisierungseffekten durch KI.
Im Gegensatz zu Ihrer These prognostizieren viele Studien und Medienartikel eine drohende technologische Arbeitslosigkeit, die vor allem durch den Siegeszug von Künstlicher Intelligenz ausgelöst werden soll. Für wie fundiert halten Sie solche Prognosen?
Ich bin der Auffassung, dass KI derzeit eher zu Beschäftigungswachstum als zu Beschäftigungsabbau führt. Das liegt daran, dass momentan sehr viel Arbeit in die Einführung entsprechender Technologien fließt. Zahlreiche Beschäftigte sind mit Digitalisierungsprojekten befasst, Unternehmen stellen zusätzliche Datenschutzbeauftragte ein und es finden umfangreiche Implementierungsprozesse statt. Dabei handelt es sich meines Erachtens nicht um einen einmaligen Umstellungsprozess, sondern um einen Dauerzustand. Die technologische Entwicklung schreitet kontinuierlich voran: Es kommen immer neuere Modelle und Anwendungen auf den Markt, sodass sich Organisationen permanent neu orientieren müssen. Zudem lässt sich festhalten, dass die erhofften Sprünge in der Produktivität zumindest bislang ausgeblieben sind. Selbst die stets technikaffin argumentierende Unternehmensberatung McKinsey spricht in diesem Zusammenhang von einem „Generative-AI-Paradox“[4]: Obwohl überall große Effizienzgewinne durch KI erwartet werden, schlagen sie sich bislang nicht in den entsprechenden Statistiken nieder.
Könnte das in Zukunft nicht ganz anders aussehen? Schließlich sind die enorme Lernfähigkeit und Effizienzsteigerung von KI zentrale Versprechen ihrer Entwickler und Finanziers.
In welchem Ausmaß KI langfristig menschliche Arbeit ersetzen wird, weiß niemand wirklich, daher sind alle Prognosen mit einer gewissen Vorsicht zu genießen. Nach meiner Einschätzung werden die Rationalisierungseffekte von KI aber auf absehbare Zeit nicht ausreichen, um die Folgen des demografischen Wandels zu kompensieren. Meine eigenen Untersuchungen in Industrie und Logistik zeigen, dass KI zwar eingesetzt wird um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, dabei aber ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. In einzelnen Bereichen werden zwar Teilfunktionen ersetzt und punktuell sind durchaus erhebliche Effizienzgewinne zu beobachten. Doch in der Breite reichen diese Effekte nicht aus, um den demografischen Umbruch substanziell abzufedern.
In einem Forschungsprojekt haben Sie sich explizit mit den Erfahrungen von Beschäftigten in Wissensberufen mit generativer KI befasst. Welche Auswirkungen haben generative KI-Systeme auf Beschäftigung und Arbeitsprozesse in den Berufen der Wissensökonomie?
Mit Blick auf generative KI zeigt sich ein differenziertes Bild. In bestimmten Tätigkeitsfeldern wie der Sachbearbeitung oder bei kognitiven Routinetätigkeiten beobachten wir durchaus Rationalisierungseffekte. Gleichzeitig zeigt die Forschung recht deutlich, dass die Technologie auch hier neue Notwendigkeiten schafft: Es entstehen Aufgaben, die zuvor weder üblich noch erwartbar waren. Das hängt entscheidend damit zusammen, dass generative KI dialogisch funktioniert: Das heißt, die Frage, was die KI einem ausspuckt, hängt davon ab, wie effektiv die Prompts sind, die ein Mensch geschrieben hat. Insofern entstehen neue Anforderungen an das Arbeitsvermögen: Neben formalisierten Kenntnissen und dem fachlichen Wissen, das man benötigt, um effektive Prompts zu formulieren und die Ergebnisse der KI einordnen zu können, braucht es die Fähigkeit, sich im Umgang mit neuen Technologien kontinuierlich zu verbessern. Darin liegt das entscheidende Merkmal der aktuellen Entwicklung: Es bilden sich neue Kompetenzen, Fertigkeiten und Anforderungsprofile heraus, indem umfassende Lernprozesse in Gang gesetzt werden.
Diese Lernprozesse betreffen insbesondere den praktischen Umgang mit KI, also die Frage, welche Tools effektiv sind, worin ihre jeweiligen Stärken und Schwächen liegen und wie sie sinnvoll in Arbeitsprozesse integriert werden können. In diesem Zusammenhang halte ich auch die verbreitete Vorstellung für problematisch, wonach es die KI sei, die einen Text geschrieben oder ein Stück komponiert habe. Darin liegt eine Mystifizierung, denn es sind stets menschliche Akteure, die mithilfe von KI die entsprechenden Ergebnisse produziert haben. Wie gut die Qualität dieser Ergebnisse ist, hängt maßgeblich vom Können und Urteilsvermögen des Menschen ab.
Ein Beispiel: In einem meiner Seminare mussten die Studierende unter Einsatz generativer KI einen Essay schreiben. Dabei zeigte sich, wie komplex die Arbeitsprozesse zum Teil waren: Die Studierenden entwickelten mehrstufige Prompting-Strategien mit zehn oder mehr aufeinander aufbauenden Schritten, um zu guten Ergebnissen zu gelangen. Auffällig war, dass leistungsstärkere Studierende deutlich besser in der Lage waren, die KI effektiv zu nutzen. Sie erzielten qualitativ hochwertigere Ergebnisse, weil sie präziser formulierten, strukturierter vorgingen und die Möglichkeiten der Systeme reflektierter einsetzten. Dies unterstreicht, dass der produktive Einsatz von KI in hohem Maße von menschlichen Fähigkeiten und Kompetenzen abhängt.
KI wird menschliche Arbeit so schnell also nicht ersetzen. Sie sprechen in diesem Zusammenhang auch von den „Rebound-Effekten zur Automatisierung“. Was hat es damit auf sich?
Der Begriff des Rebound-Effekts stammt aus der politischen Ökologie und beschreibt das Phänomen, dass Effizienzgewinne häufig geringer ausfallen als erwartet. Ein klassisches Beispiel sind spritsparende Autos: Wenn das Fahren günstiger wird, werden Fahrzeuge oft intensiver genutzt, sodass die erhoffte Einsparung teilweise oder sogar vollständig kompensiert wird. In Anlehnung daran bezeichne ich als Rebound-Effekte zur Automatisierung jene Dynamiken, die den arbeitssparenden Potenzialen von Technik entgegenwirken. Diese Effekte können sowohl direkte Folgen von Automatisierung sein als auch aus allgemeinen Entwicklungstendenzen moderner Gesellschaften resultieren.
Der erste Rebound-Effekt betrifft die beschriebene Dynamik, wonach Rationalisierung von Arbeit mit Ausdifferenzierung und Entstehung neuer Arbeit einhergeht. Ein anschauliches Beispiel ist die Automobilindustrie bis zum jüngsten Umbruch durch Elektromobilität. Über Jahrzehnte fand ein Großteil der Automatisierungsinvestitionen in der Automobilbranche statt, hochautomatisierte Fabriken sind der absolute Standard. Dennoch ist das Beschäftigungsniveau in der Branche weitgehend stabil geblieben. Der Grund liegt nicht etwa darin, dass das Geld fehlinvestiert wurde, sondern in der enorm gestiegenen Komplexität der Produkte. Während klassische industrielle Tätigkeiten in der Automobilindustrie teilweise zurückgegangen sind, sind völlig neue Tätigkeiten in der Entwicklung, IT und Vermarktung hinzugekommen.
Der zweite Rebound-Effekt ergibt sich aus der Digitalisierung selbst. Denn so sehr digitale Technologien Arbeit erleichtern können, so groß ist der Aufwand, sie erstmal zur Anwendung zu bringen. Dies gilt insbesondere für KI-Einführungsprozesse, weil KI mit spezifischen Daten aus konkreten Anwendungskontexten gespeist werden muss. Dies ist ein dauerhafter Prozess, der angesichts des hohen Innovationstempos im Softwarebereich kontinuierliche Anpassungen erfordert.
Der dritte Rebound-Effekt ist der folgenreichste und zugleich derjenige, der nicht unmittelbar mit der Automatisierung zusammenhängt. Je älter die kapitalistische Moderne wird, desto mehr sind Gesellschaften damit befasst, ihre Folgewirkungen zu bearbeiten. Das lässt sich an der Bearbeitung der Folgen des demografischen Wandels und der Klimakrise deutlich machen, die ja nicht naturgegeben, sondern Folgen einer kapitalistischen und technologischen Entwicklung sind. Wenn man sich anschaut, warum das Arbeitsvolumen so stark zugenommen hat, stellt man schnell fest, dass dies vor allem am Anstieg der Arbeit im Bereich der sozialen Reproduktion liegt. Das sollte niemanden überraschen, denn in alternden Gesellschaften steigt nun mal der Bedarf an Pflege, Gesundheitsversorgung und sozialer Betreuung kontinuierlich an. Zugleich führt die zunehmende Erwerbsbeteiligung von Frauen dazu, dass vormals privat erbrachte Sorgearbeit verstärkt in professionelle Dienstleistungen überführt wird. Daraus ergibt sich ein Spannungsverhältnis: Einerseits wird versucht, die Erwerbsbeteiligung immer weiter zu erhöhen, um dem Arbeitskräftemangel zu begegnen. Andererseits erzeugt genau diese Entwicklung zusätzlichen Bedarf an sozialen Dienstleistungen, der wiederum neue Arbeitskräfte erfordert. Ein anderes Beispiel für zusätzlichen Arbeitsbedarf infolge der fortgeschrittenen Modernisierung ist die Arbeit an der Bewältigung der ökologischen Krise. Erneuerbare Energien auszubauen, Gebäude energetisch zu sanieren und Klimarisiken zu bewerten, ist enorm arbeitsintensiv. Allein für die Umstellung auf Wärmepumpen, wie sie von der Ampel geplant war, fehlten in Deutschland etwa 60.000 Fachkräfte in der Heizungsbranche.[5] Wenn diese ökologische Transformation scheitert, entstehen wiederum neue Arbeitsbedarfe durch die Bewältigung von Umwelt- und Klimafolgen. Das sind die Aufräumarbeiten der Verwüstungen der kapitalistischen Moderne.
Die Strategie der aktuellen Bundesregierung zur Bekämpfung des Fachkräftemangel scheint darin zu bestehen, Menschen dazu zu bringen, dass sie mehr und härter arbeiten: „Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance allein werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können“, mahnte Bundeskanzler Friedrich Merz; die Mittelstands- und Wirtschaftsunion schimpfte über „Lifestyle-Teilzeit“. Was sagen Sie als Arbeitssoziologe zu dieser Strategie?
Ich sehe diese Auseinandersetzung als Ausdruck eines verschärften Konflikts: Staat und Unternehmen reagieren auf den Arbeitskräftemangel mit dem Versuch, durch ökonomischen und politischen Druck mehr Arbeitsleistung zu mobilisieren. Auf der anderen Seite steht das Interesse vieler Menschen, ihre Arbeitszeit zu reduzieren oder zumindest besser an ihre Lebensrealität anzupassen. Dem Vorwurf einer vermeintlichen „Lifestyle-Teilzeit“ möchte ich entschieden widersprechen. In vielen Fällen geht es nicht um Reduktion von Arbeit aus Komfortgründen, sondern um eine reale Überlastung der Beschäftigten. In zahlreichen Familien sind beide Partner erwerbstätig, während gleichzeitig die Kinderbetreuung oder die Pflege von Angehörigen geschultert werden müssen. Für viele ist es schlicht eine Notwendigkeit, ihre Arbeitszeit zu begrenzen. Zugleich ist diese Frage eng mit dem Thema Geschlechtergerechtigkeit verbunden. Eine gleichberechtigte Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern ist nicht erreichbar, solange Arbeitszeiten auf ein traditionelles Vollzeitmodell zugeschnitten bleiben. Wir brauchen eine kurze Vollzeit für alle.
Für die Arbeitnehmer*innen sind es doch eigentlich gute Nachrichten, wenn Arbeitskraft zu einem knappen Gut wird, schließlich können sie dann einen höheren Preis oder bessere Bedingungen für ihre Arbeit aufrufen. Warum ist davon auch beim Blick auf die Reallohnentwicklung bislang wenig zu spüren?
Ich verstehe das Argument, dass es für Beschäftigte zunächst gute Nachrichten sind, wenn ihre Marktmacht steigt. Im konkreten Fall bedeutet ein Arbeitskräftemangel jedoch auch, dass sich Überlastungssituationen zuspitzen. Das ist etwa in der Pflege zu beobachten, teilweise aber auch in der Industrie: Wenn es zu wenige Beschäftigte gibt, um bestimmte Aufgaben zu bewältigen, müssen diejenigen, die noch vorhanden sind, entsprechend mehr leisten. Das führt häufig zu einer Intensivierung der Arbeit, die keineswegs im Interesse der Beschäftigen liegt.
Auf der anderen Seite erhöht sich damit die Marktmacht der Beschäftigten. Allerdings gibt es keinen automatischen Zusammenhang zwischen gestiegener Marktmacht und höheren Löhnen. Es lassen sich jedoch durchaus Tendenzen erkennen, dass die tiefste Phase der Reallohnverluste überwunden sein könnte. Wenn man an die 1990er- und frühen 2000er-Jahre zurückdenkt, war die Situation eine andere: Damals waren Massenarbeitslosigkeit und die Angst vor weiterem Arbeitsplatzverlust allgegenwärtig. Die Marktmacht der Beschäftigten war entsprechend gering und die Gewerkschaften befanden sich in einer defensiven Verhandlungsposition.
Heute zeigen sich in einzelnen Bereichen Entwicklungen in die entgegengesetzte Richtung. In der Pflege sind Reallohnzuwächse zu beobachten. Angesichts der eklatanten Personalengpässe, die durch den chronischen Überlastungszustand verschärft werden, gab es in den letzten Jahren große Streiks von Pflegekräften, etwa an der Charité in Berlin, in denen eine bessere Personalausstattung und Arbeitsentlastung die zentralen Forderungen waren. Auch in der Logistik gibt es teilweise lokale Überbietungswettbewerbe zwischen Unternehmen, bei denen einzelne Anbieter geringfügig höhere Löhne zahlen als ihre unmittelbaren Konkurrenten, weil es selbst in strukturschwachen Regionen kein ausreichendes Reservoir arbeitswilliger und körperlich belastbarer Menschen mehr gibt, die eine derart anstrengende und knapp über dem Mindestlohn entlohnte Tätigkeit aufnehmen müssen.
Entscheidend ist letztlich die Frage, ob es den Gewerkschaften gelingt, die gestiegene Marktmacht tatsächlich in bessere Arbeitsbedingungen und Löhne umzumünzen. Im Dienstleistungsbereich ist dies zumindest teilweise zu beobachten. In der Industrie hingegen stehen viele Unternehmen derzeit wirtschaftlich unter Druck, was dazu führt, dass Gewerkschaften dort eher defensiv agieren. Insgesamt ergibt sich daraus eine widersprüchliche Konfliktkonstellation: Einerseits besteht an vielen Stellen ein Arbeitskräftemangel, andererseits kommt es gleichzeitig zu Entlassungen. Unter diesen Bedingungen ist es schwierig, flächendeckend höhere Löhne durchzusetzen.
Der Ökonom John Maynard Keynes prognostizierte 1930, dass wir 2030 nur noch 15 Stunden in der Woche arbeiten müssten, um gut leben zu können. So wird es nicht kommen, aber ist die Arbeitskräfteknappheit für die Möglichkeit einer kollektiven Arbeitszeitverkürzung eigentlich eine gute Nachricht, weil sie die Marktmacht der Beschäftigten stärkt, oder eine schlechte Nachricht, weil es schlicht weniger Menschen gibt, die die anfallende Arbeit verrichten können?
So sinnvoll ich das Projekt einer kollektiven Reduktion von Arbeit auch halte, fürchte ich, dass sie unter den Bedingungen des Arbeitskräftemangels noch schwieriger umzusetzen sein wird. Allerdings handelt es sich bei der Verkürzung der Arbeitsdauer auch nur um eine Stellschraube. Die große dahinterliegende Frage ist, wie es gelingen kann, Arbeit so einzusetzen, dass sie einen größeren gesellschaftlichen Nutzen entfaltet und gleichzeitig weniger in Bereiche fließt, die keinen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen oder sogar schädliche Wirkungen haben. Der Grund für die aktuelle Fehlallokation von Arbeit liegt in einem grundlegenden Funktionsprinzip kapitalistischer Ökonomien: Arbeit wird dort eingesetzt, wo sie sich für Unternehmen loht und nicht primär dort, wo gesellschaftliche Notwendigkeiten bestehen.
Wo sehen Sie so eine falsche Zuteilung von Arbeitskraft?
Nehmen Sie beispielsweise die Entwicklung der Modeindustrie zu Fast Fashion und jüngst zu Ultra Fast Fashion. Hochbezahlte und hochqualifizierte Teams von Forscher*innen arbeiten an der Entwicklung KI-basierter Vorschlagsalgorithmen für den E-Commerce und für Tools zur virtuellen Anprobe, mit denen Konsument*innen virtuell austesten können, ob ihnen die Modeartikel wirklich stehen. Das Ziel ist, innerhalb einer Branche, die von gewaltigem Ressourcenverbrauch und Preisdumping geprägt ist, den Warenumschlag am Laufen zu halten oder sogar noch zu erhöhen. Letztlich wird damit ein Markt bedient, der kaum wachsen wird, während zugleich der Aufwand für die beteiligten Akteure zunimmt, um in diesem Spiel mitzumischen.
Ein anderes Beispiel ist der aktuelle Wettlauf um die Entwicklung der KI-Sprachmodelle. Zwar sind dabei Innovationen möglich, die auch gesellschaftlichen Nutzen stiften, diese entstehen aber nur als Nebenprodukte eines Wettlaufs zwischen den großen Digitalkonzernen. OpenAI, Meta, Elon Musks xAI und chinesische Unternehmen überschlagen sich mit abstrusen Investitionssummen, um das leistungsfähigste KI-Modell zu entwickeln, getrieben von unrealistischen Gewinnerwartungen, den Allmachtsfantasien der reichsten Männer der Welt und geopolitischen Machtkämpfen. Diese Materialschlacht ist nicht nur ökologisch und energetisch destruktiv, sondern bindet auch die klügsten Köpfe. Wäre es nicht deutlich sinnvoller, wenn führende KI-Expert*innen an visionären Projekten, wie zum Beispiel an Anwendungen für die Energiewende oder zur Neugestaltung öffentlicher Mobilität arbeiten würden, statt virtuelle Anproben für Hosen zu designen oder Elon Musk noch reicher zu machen?
Der Anthropologe David Graeber hat 2018 in einem Buch eine Flut von Bullshit Jobs diagnostiziert, die er als eine Anstellung definierte, „die so vollkommen sinnlos, unnötig oder gefährlich ist, dass selbst derjenige, der sie ausführt, ihre Existenz nicht rechtfertigen kann, obwohl er sich im Rahmen der Beschäftigungsbedingungen verpflichtet fühlt, so zu tun, als sei dies nicht der Fall.“[6] Eine der zentralen gesellschaftlichen Aufgaben ist es, Wege zu finden, weniger Menschen in Bullshit Jobs zu binden und stattdessen mehr sinnvolle Tätigkeiten zu schaffen.
Wie könnte eine solche Umverteilung von Arbeit aussehen? Schließlich ist die Frage, wo gearbeitet wird, im Kapitalismus kein Ergebnis demokratischer Aushandlung, sondern des Investitionsverhaltens von Unternehmen. Läuft Ihre Forderung auf einen Bruch mit der kapitalistischen Produktionsweise hinaus?
Ich bin davon überzeugt, dass wir über eine gesellschaftliche Ordnung nachdenken müssen, in der die Allokation von Arbeit nicht mehr rein kapitalistischen Prinzipien folgt, sondern eine bedürfnisorientierte Ressourcenverteilung gewährleistet. Technisch ist das längst machbar. Früher galt der Markt als das effizienteste Informationssystem, heute verfügen wir über viel bessere Möglichkeiten, um gesellschaftliche Bedarfe abzuschätzen und Ressourcen gezielt einzusetzen, auch unter Berücksichtigung normativer Fragen zur ökologischen Transformation oder zum Gemeinwohl.
Neben der Suche nach großen Visionen jenseits des Kapitalismus braucht es auch realpolitische Schritte in der Gegenwart. Hier sehe ich zwei zentrale Ansatzpunkte: Erstens braucht es eine massive Stärkung der Fundamentalökonomie, sprich derjenigen kritischen Infrastrukturen, die für ein funktionierendes demokratisches und soziales Gemeinwesen unabdingbar sind.[7] Dazu gehört die Rekommunalisierung von essenziellen Dienstleistungen wie der Wasser-, Energie- und Gesundheitsversorgung, aber auch massive Investitionen in Kinderbetreuung, öffentlichen Nahverkehr und Pflege. Bessere Arbeitsbedingungen und Löhne in diesen Bereichen sind staatlich durchsetzbar. So könnte die Allokation von Arbeit für gemeinwohlorientierte Zielsetzungen positiv beeinflussen werden. Der zweite Ansatz ist Mariana Mazzucatos Modell einer missionsgetriebenen Innovationspolitik.[8] In ihrem Werk zeigt sie auf, dass die Schlüsseltechnologien der Digitalisierung das Produkt langfristiger staatlicher Programme waren – man denke an das Apollo-Programm der USA. Wenn es möglich war, drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für die Mondlandung zu mobilisieren, dann muss es angesichts der heutigen Polykrise erst recht möglich sein, ähnliche Ressourcen für die Bekämpfung des Klimawandels freizusetzen. Es geht darum, Impulse zu setzen, um mehr Arbeit dort zu schaffen, wo die gesellschaftlichen und nicht die partikularen Interessen liegen.
Anmerkungen:
[1] Autor, David et al. (2024): New Frontiers: The Origins and Content of New Work, 1940-2018, in: The Quarterly Journal of Economics 139/3, S. 1399-1465.
[2] Bundesagentur für Arbeit (2025): Monatsbericht zum Arbeits- und Ausbildungsmarkt, November, S. 7.
[3] Ebd., S. 3.
[4] Sukharevsky, Alexander et al. (2025): Seizing the agentic AI advantage, McKinsey & Company. Online verfügbar unter: https://www.mckinsey.com/capabilities/quantumblack/our-insights/seizing-the-agentic-ai-advantage
[5] APR (2023): Fachkräftemangel. Heizungsbranche klagt über 60000 fehlende Installateure, in: Der Spiegel, online verfügbar unter: https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/fachkraeftemangel-heizungsbranche-klagt-ueber-60-000-fehlende-installateure-a-acf1f67a-da1a-45c6-983a-886a5adba016
[6] Graeber, David (2018): Bullshit Jobs. Vom wahren Sinn der Arbeit, Stuttgart: Klett-Cotta, S. 20.
[7] Foundational Economy Collective (2019): Die Ökonomie des Alltagslebens: Für eine neue Infrastrukturpolitik, Berlin: Suhrkamp.
[8] Mazzucato, Mariana (2021): Mission: Auf dem Weg zu einer neuen Wirtschaft, Frankfurt am Main: Campus Verlag.
Florian Butollo (2026): Das knappe Gut Arbeit. Automatisierung, Arbeitskräftemangel und sozialer Konflikt, Berlin: Suhrkamp.
