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/ 22.06.2013
Nina Verheyen (Hrsg.)

Diskussionslust. Eine Kulturgeschichte des "besseren Arguments" in Westdeutschland

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2010 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 193); 371 S.; 59,95 €; ISBN 978-3-525-37014-8
Geschichtswiss. Diss. FU Berlin; Gutachter: J. Kocka, V. Berghahn. – Die Diskussionskultur der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft ist das Thema der Studie. Zunächst erörtert Verheyen die Grundlage des deutschen Diskussionsbegriffes, insbesondere hinsichtlich der Interpretation im 19. Jahrhundert. Von entscheidender Bedeutung für das westdeutsche Verständnis nach den leidvollen Erfahrungen des Nationalsozialismus und den in seinem Namen verübten Verbrechen zeigte sich das Programm der Reeducation, das von den Vereinigten Staaten von Amerika federführend entwickelt wurde. Dabei wurde die Diskussion als entscheidendes Merkmal einer lebendigen Demokratie eingeführt, deren praktische Umsetzung zu einer stabilisierten und vor allem auch verinnerlichten Annahme der demokratischen Gesellschaftsform als Lebensart führen sollte. So wurden im Zuge der Reeducation mehrere Diskussionsrunden initiiert, um die Diskussion als Element des Politischen einzuüben, ebenso gab es Vorführungen entsprechender Filme. Im Laufe der Jahre wurde dabei mehr und mehr versucht, den US-amerikanischen Einfluss in dieser Entwicklung unsichtbar zu machen, indem etwa aus „Diskussionen“ vermehrt „Gespräche“ (148) wurden. Die fortschreitende Akzeptanz dieser Form politischer Auseinandersetzung zeigt die Autorin beispielhaft am Erfolg der Fernsehsendung „Internationaler Frühschoppen“, deren Konzept sich jedoch so ritualisierte, dass die Spontaneität der Diskussionsführung abgemildert wurde. Ein wahres „Diskussionsfieber“ (244) entwickelte sich im Kontext der 68er-Generation, in der jedwede Thematik Gegenstand von Diskussionen wurde, was letztlich in die Form einer Dauerdiskussion mündete. Dieses Phänomen sollte sich jedoch in den folgenden Jahrzehnten in einen Diskussionsfrust umwandeln, der eine verstärkte Abkehr der Bürger aus dem Politischen hinein ins Private zur Folge hatte.
Arne Arps (AA)
M. A., Doktorand der Politikwissenschaft, Universität Vechta.
Rubrizierung: 2.3332.3312.313 Empfohlene Zitierweise: Arne Arps, Rezension zu: Nina Verheyen (Hrsg.): Diskussionslust. Göttingen: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32515-diskussionslust_38804, veröffentlicht am 30.06.2011. Buch-Nr.: 38804 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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