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/ 12.06.2013
Monika Boll / Raphael Gross (Hrsg.)

"Ich staune, dass Sie in dieser Luft atmen können" Jüdische Intellektuelle in Deutschland nach 1945

Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 2013; 396 S.; 14,99 €; ISBN 978-3-596-18909-0
Nach Ausbürgerung, Vertreibung und Ermordung der Juden in Deutschland schien die Rückkehr von jüdischen Emigranten auf den Boden der beiden deutschen Staaten aus vielerlei Gründen unmöglich. Das ungeheure Ausmaß der Shoa, die persönliche Schuld vieler Deutscher im Umgang mit jüdischen Kollegen, Freunden und Gästen nach 1933, die Verhaftung in antisemitischen Stereotypen, die Forderung nach schnellem Vergessen, gegenseitiges Misstrauen oder schlichte Sprachlosigkeit gehörten dazu. Dass einige Emigranten wieder zurückkehrten oder zumindest längere Aufenthalte unternahmen, verweist auf ein persönliches Moment. Im Band sind dreizehn Porträts jüdischer Intellektueller versammelt, die zur ersten Generation der Zurückkehrer gehörten. Die aus Briefen und Gesprächen gewonnenen Facetten ihres Empfindens erlauben eine Binnenperspektive auf die Geschichte von Exil und Rückkehr. Das argumentative Band der Beiträge ist die Suche nach Motiven, Hintergründen und inneren Entschlüssen für einen Neuanfang, sei dies die Verankerung in einer deutsch‑jüdischen Kultur der Weimarer Jahre, die Chance zum demokratischen oder sozialistischen Wiederaufbau beitragen zu können, die Wiederaufnahme und Fortentwicklung der wissenschaftlichen Karriere oder die fortwährende innere Zerrissenheit in der Konfrontation mit dem eigenen Judentum, wie sie Andreas Isenschmid bei dem Literaturwissenschaftler Peter Szondi extrahiert. Die Breite der Auswahl trägt dazu bei, Ähnlichkeiten und Differenzen zwischen Jacob Taubes, Karl Löwith, Ernst Bloch oder Arnold Zweig zu entdecken, umso mehr fehlt eine analytische Gesamtschau der Herausgeber. Auch verwischt die in einzelnen Beiträgen angedeutete gesamte intellektuelle Biografie die Spannung von Emigration und Remigration. Die Aufsätze zu Hannah Arendt und Hans Kelsen beweisen, dass die Entscheidung zur Rückkehr oder Nicht‑Rückkehr auf individuelle Überzeugungen und Erfahrungen, aber auch auf unausgesprochene Einladungen, gar Abweisungen zurückzuführen sind. Ob die deutsche Luft nach 1945 jener von 1933 gleiche, bleibt eine wiederholte Frage.
Ellen Thümmler (ET)
Dr., Politikwissenschaftlerin, wiss. Mitarbeiterin, Institut für Politikwissenschaft, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.32.352.313 Empfohlene Zitierweise: Ellen Thümmler, Rezension zu: Monika Boll / Raphael Gross (Hrsg.): "Ich staune, dass Sie in dieser Luft atmen können" Frankfurt a. M.: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/14553-ich-staune-dass-sie-in-dieser-luft-atmen-koennen_43540, veröffentlicht am 14.03.2013. Buch-Nr.: 43540 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA