/ 05.06.2013
Frank Daumann
Interessenverbände im politischen Prozeß. Eine Analyse auf Grundlage der Neuen Politischen Ökonomie
Tübingen: Mohr Siebeck 1999 (Untersuchungen zur Ordnungstheorie und Ordnungspolitik 38); XIV, 400 S.; brosch., 128,- DM; ISBN 3-16-147126-1Wirtschaftswiss. Habilitationsschrift Bayreuth; Erstgutachter: P. Oberender. - Daumann analysiert den Einfluß organisierter Interessengruppen auf den politischen Prozeß in typisierten parlamentarischen Demokratien und lotet darauf aufbauend Möglichkeiten zu dessen "Verbesserung" (V) aus. Dabei formuliert er "eine umfassende Theorie der Interessenverbände im politischen Prozeß" (2). Daumanns Erklärungsgrundlage für individuelles und damit auch für Gruppen-Handeln – sei es als Wähler, als Politiker, Beamter oder als Verbandsfunktionär - ist ausschließlich die persönliche ökonomische Nutzenmaximierung in Anlehnung an die Rational-choice-Schule (Downs). Folgerichtig sind die besprochenen typisierten Interessenverbände auch Wirtschaftsverbände. Deren Einfluß auf den politischen Prozeß wird als negativ beurteilt, da er nicht den Erfordernissen eines zuvor postulierten idealen Referenzsystems entspricht. Verbesserungsvorschläge aus der Literatur werden geprüft und als unzulänglich verworfen. Der schließlich vom Autor entworfene Lösungsansatz verlangt zum einen eine eng begrenzte Gültigkeitsdauer derjenigen Gesetze und Verordnungen, die nicht zuvor von neu zu schaffenden Expertengremien für voll kompatibel mit dem idealen Regelwerk befunden wurden. Zum anderen will Daumann mit verschiedenen Eingriffen den Wettbewerb (und dessen Transparenz) zwischen den Interessenverbänden verbessern. Auf der Umsetzungsebene soll der Entscheidungsraum der öffentlichen Verwaltung durch einen "Exekutivrat" begrenzt und überwacht werden.
Die Abhandlung ist eine rein theoretische Denkübung. Konkrete Beispiele für die extensiven Überlegungen und Abwägungen werden nicht genannt, sondern ein abstrahierter common sense (im Rahmen der bereits sehr eingeschränkten Grundannahmen) in noch abstraktere wissenschaftliche Form gegossen. Diese Form ist beeindruckend; der umfangreiche Fußnotenapparat dürfte den kompletten Stand der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur zum Thema bis hinein in die entsprechenden Randbereiche der Politikwissenschaft und der Soziologie reflektieren. Aus politikwissenschaftlicher Sicht bietet die ausgesprochen verengte, idealisierte und sehr theoretische wirtschaftswissenschaftliche Perspektive einen eher geringen Erkenntniswert.
Inhaltsübersicht: III. Konkurrierende Ansätze zur Erklärung des Entstehens von Gruppen und Verbänden: A. Superindividualistische Ansätze; B. Individualistische Ansätze. IV. Eine individualistisch-institutionalistische Theorie der Interessenverbände: A. Anthropologische Grundlagen und methodische Spezifika; B. Die Zielsetzung des Interessenverbandes als Problem öffentlicher Güter erster Ordnung; C. Eine institutionalistische Erklärung der Entstehung von Interessenverbänden; D. Eine institutionalistische Erklärung der internen Struktur von Interessenverbänden und des kollektiven Handelns; E. Eine institutionalistische Erklärung des Einflusses der Interessenverbände im politischen Entscheidungsprozeß; F. Fazit: Die individualistisch-institutionalistische Theorie der Interessenverbände. V. Folgen der Einflußnahme der Interessenverbandsvertreter auf den politischen Prozeß und deren Beurteilung: A. Darstellung der Auswirkungen der Einflußnahme der Interessenverbandsvertreter; B. Beurteilung der Einflußnahme der Interessenverbandsvertreter auf den politischen Prozeß. VI. Ansätze zur Korrektur der Ergebnisse des politischen Prozesses: A. Anforderungen an einen Lösungsansatz; B. Darstellung und Würdigung der bisherigen Lösungsansätze; C. Entwurf eines eigenen Lösungsansatzes.
Andreas Beckmann (AB)
M. A., Doktorand, Institut für Sozialwissenschaften, Bereich Politikwissenschaft, Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.22 | 2.21 | 5.45
Empfohlene Zitierweise: Andreas Beckmann, Rezension zu: Frank Daumann: Interessenverbände im politischen Prozeß. Tübingen: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8582-interessenverbaende-im-politischen-prozess_11308, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 11308
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M. A., Doktorand, Institut für Sozialwissenschaften, Bereich Politikwissenschaft, Universität Kiel.
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