/ 17.06.2013
Hartmut Meine / Michael Schumann / Hans-Jürgen Urban (Hrsg.)
Mehr Wirtschaftsdemokratie wagen!
Hamburg: VSA 2011; 213 S.; 16,80 €; ISBN 978-3-89965-452-3Spätestens seit der Finanzkrise ist in den deutschen Gewerkschaften die Frage nach der Beteiligung der Arbeitnehmer an den zentralen wirtschaftspolitischen Entscheidungen wieder aktuell geworden. „Wirtschaftsdemokratie zielt auf eine grundlegende Veränderung der Kräfte und Machtverhältnisse“ (46), weswegen Mitherausgeber und IG Metall-Vorstand Hans-Jürgen Urban sie für die Gewerkschaften als geeignet ansieht, um den bislang fehlenden utopischen Überschuss wieder zu generieren. Der von Urban zusammen mit dem IG Metall-Bezirksleiter Hartmut Meine und dem Soziologen Michael Schumann vorgelegte Sammelband dokumentiert dazu den gegenwärtigen Diskussionsstand in der IG Metall und ihrem näheren wissenschaftlichen Umfeld. Dabei schälen sich vier strukturierende Elemente heraus. Erstens nimmt die Gewerkschaftsbewegung Bezug auf ihren überlieferten programmatischen Fundus. Oskar Negt greift in seinem Vorwort auf Wolfgang Abendroth, Karl Korsch und Georg Lukács zurück. Wiederholt wird an anderer Stelle auf Fritz Naphtali oder Viktor Agartz verwiesen, aber auch an das Wirken von Oskar Negt selbst oder von Heinz Dürrbeck wird erinnert. Dabei ist zweitens, trotz des umfänglichen historischen Rückbezugs, die bestehende Mitbestimmungspraxis der Referenzrahmen. Die Vorstellung, diese auf das Level der Montanmitbestimmung oder nach dem Vorbild von Volkswagen auszuweiten, ist eine pragmatisch-pfadabhängige und dafür weniger eine utopische Perspektive. Drittens stellen mehrere Autoren die Frage nach den Eigentumsverhältnissen im Kapitalismus. Das Engagement der öffentlichen Hand im Wirtschaftskreislauf oder Formen gesellschaftlichen Eigentums wie Genossenschaften werden als unverzichtbare Komponenten zur Rückgewinnung demokratischer Einflussbereiche angesehen. Die Form der Marktbegrenzung findet viertens Eingang in der Frage, wie der Tatsache entgegengewirkt werden kann, dass Märkte „sozial und ökologisch blind“ (93) seien. Dabei wird ein beachtlich großer Raum der ökologischen Modernisierung der Industriegesellschaft gewidmet.
Stephan Klecha (SKL)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Institut für Demokratieforschung der Universität Göttingen.
Rubrizierung: 2.3 | 2.342 | 2.331
Empfohlene Zitierweise: Stephan Klecha, Rezension zu: Hartmut Meine / Michael Schumann / Hans-Jürgen Urban (Hrsg.): Mehr Wirtschaftsdemokratie wagen! Hamburg: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/14895-mehr-wirtschaftsdemokratie-wagen_41791, veröffentlicht am 15.03.2012.
Buch-Nr.: 41791
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Institut für Demokratieforschung der Universität Göttingen.
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