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/ 05.06.2013
Claus Reis / Matthias Schulze-Böing (Hrsg.)

Planung und Produktion sozialer Dienstleistungen. Die Herausforderung "neuer Steuerungsmodelle"

Berlin: edition sigma 1998 (Modernisierung des öffentlichen Sektors Sonderband 9); 224 S.; 34,80 DM; ISBN 3-89404-759-3
Es dürfte heute schwer fallen, über Reformen der öffentlichen Verwaltung zu sprechen, ohne dabei das "neue Steuerungsmodell" (NSM) zu berücksichtigen. Dieser in Deutschland namentlich von der KGST (Kommunale Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsvereinfachung) verbreitete Ansatz sucht im Kern eine Modernisierung des Verwaltungshandelns durch eine Umstellung von der kameralistischen "input-" auf eine bedarfsbezogene "output-Steuerung" zu erreichen. Freilich liegt diesem Modell ein eindeutig betriebswirtschaftliches Kalkül zugrunde - davon zeugt nicht nur die Terminologie (die permanente Rede von "Kunden", "Produkten", "Kontrakten" usw.), sondern ebenso die unübersehbare Absicht, mit der Verwaltungsmodernisierung zu einer durchschlagenden Kostenreduktion im öffentlichen Sektor zu gelangen. Ob sich allerdings Kosten des öffentlichen Sektors ohne Änderung der bisher verfolgten politischen Ziele reduzieren lassen - und was wäre die Annäherung des staatlichen Sektors an die Marktlogik anderes als eine mindestens implizite Neudefinition von Zielen - ist eine grundsätzliche Frage, die in der aktuellen Public-Management-Diskussion häufig unterschlagen wird. Von dieser unkritischen Rezeption modischer Managementrezepte hebt sich der Sammelband wohltuend ab, weil er die Anwendbarkeit des NSM auf soziale Dienstleistungen nicht einfach unterstellt, sondern - durchaus konstruktiv - problematisiert. Die Grenzen der Übertragbarkeit betriebswirtschaftlicher Kalküle auf soziale Dienstleistungen beruhen nämlich auf dem Umstand, daß Qualität und Quantität dieser Leistungen "innerhalb einer dreistelligen Relation zwischen Leistungsadressaten (Bedürfnisse), Leistungsanbietern (Ressourcen) und Kostenträgern (Politik) bestimmt [werden], wobei jede dieser Stellen eigene Interessen und Sichtweisen ausgebildet hat" (69). Die Beiträge - sie stammen zu zwei Dritteln von Praktikern aus dem Bereich von Sozialplanung und Management - machen deutlich, daß der hinter den Modernisierungsdiskussionen liegende Rationalisierungsdruck von seiten sozialer Dienstleistung nur dann produktiv genutzt werden kann, wenn die Reformen ausdrücklich mit Organisationsentwicklung (= Einbeziehung des Personals) einerseits, und andererseits Sozialplanung (= Reflexion der Interventionswirkungen) verbunden werden. Oder kürzer: man darf die Steuerungsdiskussion nicht der Betriebswirtschaft überlassen. Inhalt: Claus Reis / Matthias Schulze-Böing: Einleitung: Neue Steuerungsmodelle für die Planung und Produktion sozialer Dienstleistungen? Folgerungen aus einem produktiven Mißverständnis (9-31). I. Soziale Arbeit und "neue Steuerung" - Zwischenbilanz und Perspektiven: Frank Brönker / Hellmut Wollmann: Reform der sozialen Dienste zwischen "kommunaler Sozialstaatlichkeit" und Verwaltungsmodernisierung (35-54); Heiner Brülle / Claus Reis / Hans-Christoph Reiss: Neue Steuerungsmodelle in der Sozialen Arbeit. Ansätze zu einer adressaten- und mitarbeiterorientierten Reform der öffentlichen Sozialverwaltung? (55-79). II. Strategische Ansätze und Steuerungskonzepte für die Sozialverwaltung: Heiner Brülle: Sozialplanung und Verwaltungssteuerung. Dienstleistungsproduktion in der kommunalen Sozialverwaltung (83-103); Horst Tippelt: Controlling als Steuerungsinstrument in der Sozialverwaltung (105-130). III. Planung, Organisationsentwicklung, Berichtswesen, Controlling - Praxismodelle und Umsetzungserfahrungen: Winfried Seibert: Sozialberichterstattung, Controlling und Personalentwicklung in der Sozialhilfe. Leitfragen für den Organisationsentwicklungsprozeß (133-148); Christian Barthel: Fallmanagement aus der Sicht der Personalentwicklung am Beispiel des Pilotprojektes "FAMS" bei der Stadtverwaltung Offenbach am Main (149-166); Werner Meyer: Jugendhilfeplanung und DV-gestützte Berichterstattung in der Erziehungshilfe (167-185); Karin Knaup / Johannes Weber: Planung und Steuerung der Altenhilfe in Wiesbaden (187-200). IV. Coda: Vom sinnvollen Umgang mit "neuen" Steuerungsmodellen: Wolfgang Hinte: Der heimliche Lehrplan der neuen Steuerungsmodelle. Oder: Wider die Blendung durch Folien - für mehr Selbstbewußtsein im Umgang mit Kienbaum, Mummert und Bertelsmann (203-223).
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.322.342 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Claus Reis / Matthias Schulze-Böing (Hrsg.): Planung und Produktion sozialer Dienstleistungen. Berlin: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7373-planung-und-produktion-sozialer-dienstleistungen_9817, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 9817 Rezension drucken
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