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/ 11.06.2013
Gerd Meyer / Angela Herrmann

"... normalerweise hätt' da schon jemand eingreifen müssen" Zivilcourage im Alltag von BerufsschülerInnen. Eine Pilotstudie

Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag 1999 (Studien zu Politik und Wissenschaft); 236 S.; 54,- DM; ISBN 3-87920-486-1
Mehr Zivilcourage wird immer wieder von Politikern gefordert, wenn wieder einmal Übergriffe und Gewalttaten stattgefunden haben, ohne dass sich jemand beherzt für die Angegriffenen eingesetzt hätte. Doch was bedeutet Zivilcourage eigentlich? Und welche Faktoren wirken fördernd, welche hemmend? Diese Fragen wurden von einer studentischen Forschungsgruppe - hervorgegangen aus einem Seminar an der Universität Tübingen - bearbeitet. Dazu haben sie eine Befragung mit leitfadengestützten Interviews sowie eine gegebenenfalls einzusetzende Fallgeschichte konzipiert. 30 Schülerinnen und Schüler an den Berufsschulen Tübingen und Reutlingen wurden interviewt und haben erzählt, welche "Situationen, in denen sozial mutiges Handeln gefragt war" (10), sie selbst erlebt haben. Allerdings wurden lediglich neunzehn Interviews in die Auswertung mit einbezogen. Die Forschungsgruppe hat die Daten mit qualitativen Methoden ausgewertet; sie orientierte sich vor allem an der "grounded theory" in Anlehnung an Glaser/Strauss sowie an Mayrings Standardwerk zur qualitativen Inhaltsanalyse. Als Ergebnis präsentieren sie zum einen die Erlebnisse von vier als typisch empfundenen Befragten, zum anderen charakteristische objektive und subjektive Bestimmungsfaktoren für zivilcouragiertes Handeln, die in ihrem Zusammenwirken verstehbar werden sollen. Und genau dies gelingt den Autorinnen und Autoren auch: Die zahlreichen Interviewausschnitte und die relativ eng am Material orientierte Darstellung machen es tatsächlich ganz konkret nachvollziehbar, wie eine (situations)spezifische Konstellation verschiedener Faktoren (wie Nähe zur Person, Über- oder Unterlegenheit usw.) einen wesentlichen Einfluss auf die Entscheidung für oder gegen zivilcouragiertes Verhalten darstellt und sich keineswegs mehr oder weniger linear "aus Wertorientierungen 'ableiten'" (202) lässt, wie dies sonst häufig unterstellt wird. Aus dem Inhalt: B. Was ist Zivilcourage? Dimensionen, Aspekte, Abgrenzungen; C. Das Forschungsdesign; D. Zivilcourage konkret: erlebte Situationen und vier typische Fälle; E. Was fördert, was hindert Zivilcourage? Beweggründe und Bestimmungsfaktoren: II. Moralische Überzeugungen und moralisches Handeln - Nähe zur Person und zum Problem; III. Biographische Erfahrungen; IV. Soziale Kompetenzen, Angst und Selbstsicherheit; V. Verantwortung; VI. Soziale Orte und Öffentlichkeiten - Handlungsspielräume und Einflußchancen; VIII. Position; IX. Unterstützung; X. Konformität; XI. Autoritätsbeziehungen, Sozialisation in der Familie und autoritäres Verhalten; XII. Gewalt. F. Allgemeine Handlungsmuster und paradigmatische Typenbildung.
Silke Becker (Be)
Dipl.-Soziologin; freie Journalistin.
Rubrizierung: 2.352.37 Empfohlene Zitierweise: Silke Becker, Rezension zu: Gerd Meyer / Angela Herrmann: "... normalerweise hätt' da schon jemand eingreifen müssen" Schwalbach/Ts.: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/11340--normalerweise-haett-da-schon-jemand-eingreifen-muessen_13444, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 13444 Rezension drucken
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