/ 18.06.2013
Holger Thünemann
Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Dechiffrierung einer Kontroverse
Münster/Hamburg/London: Lit 2003 (Zeitgeschichte - Zeitverständnis 11); 128 S.; brosch., 14,90 €; ISBN 3-8258-6479-0Die Idee und die Realisierung eines Denkmals für die in der Zeit des Nationalsozialismus ermordeten Juden werden seit 16 Jahren kontrovers diskutiert - eine Debatte, die nach Ansicht des Autors von „eminenter Bedeutung für den Vergangenheitsdiskurs der gesamten Bundesrepublik" (2) ist. Thünemann erklärt nicht nur den Verlauf dieser Kontroverse und die Meinungen der wichtigsten Beteiligten. Die Idee zu diesem Denkmal sei überhaupt nur vor dem Hintergrund des öffentlichen Geschichtsbilds von der NS-Zeit zu verstehen, das in den 80er-Jahren von „Relativierungs- und Entkonkretisierungstendenzen" (23) geprägt gewesen sei. Vor allem Bundeskanzler Kohl „intendierte eine entkonkretisierende Einebnung des Opferbegriffs" (21) und damit letztlich eine Relativierung der NS-Vergangenheit, ob bei der Begegnung mit Reagan in Bitburg oder mit der Einrichtung der Neuen Wache in Berlin als allgemeiner Gedenkort. Laut Thünemann hat Kohl die Zustimmung von Ignatz Bubis zu diesem umstrittenen Gedenkort und dessen Anwesenheit bei der Einweihung eingehandelt mit seiner, Kohls, Zustimmung zum Holocaust-Denkmal. Die Initiatoren des Holocaust-Denkmals verfuhren mit Argumenten gegen ihr Projekt allerdings ähnlich selbstherrlich wie der Bundeskanzler - selbst Kritik von jüdischer Seite wurde als nicht zweckdienlich abgelehnt, andere Opfergruppen wie Sinti und Roma fanden keine Berücksichtigung. Die Initiatoren hätten sich den „Vorwurf der Opferhierarchisierung" (33) gefallen lassen müssen, schreibt Thünemann. Überhaupt kann er belegen, wie sehr die gesamte Debatte von politischem Kalkül und dem „Versuch kollektiver Selbstvergewisserung" (62) geprägt war, wobei die europäische Dimension der NS-Verbrechen tendenziell aus dem Blick geraten sei. Lange war auch strittig, ob und wie den Opfern angemessen gedacht werden kann ohne die Täter zu sehr in den Mittelpunkt zu rücken. Die Frage, ob ein künstlerisch gestaltetes Denkmal (dessen Entwurf nach Kohls Geschmack umgearbeitet wurde) überhaupt eine angemessene Art der Erinnerung an den Holocaust darstellt, ist auch nach 16 Jahren Debatte ungeklärt. So dränge sich der Eindruck auf, dass „manch einem die Denkmalsetzung untergründig nicht zuletzt als Akt der Selbstberuhigung willkommen war" (59).
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.35 | 2.321 | 2.333
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Holger Thünemann: Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Münster/Hamburg/London: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/19558-das-denkmal-fuer-die-ermordeten-juden-europas_22751, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 22751
Rezension drucken
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
CC-BY-NC-SA